cover

Contents

Vorwort zur 2. Auflage

Vorwort zur 1. Auflage

1. Alchemistische Experimente an Fürstenhöfen und im Kloster Maulbronn

Fürstenalchemie

Schloss Weikersheim

Stuttgart in Württemberg

Schloss Kirchheim/Teck

Braunschweig (und Helmstedt)

Schloss Rheinsberg und Friedrich der Große

Kloster Maulbronn

Alchemistische Umwandlungen – Transmutationen

Schwefel und Sublimation

Quecksilber

Frühe Pigmente

Schwarzpulver

Alaune und Vitriole mit Soda

Entdeckungen von Thurneysser

»Goldmachen«

2. Die Farben des Berges mit Feuer und Flamme

Aus der Geschichte des Bergbaus im Rammelsberg (Goslar)

Erze aus dem Rammelsberg – zur Geologie und Mineralogie

Über die Gewinnung der Vitriole

Silber aus dem Rammelsberg

Die Farben des Berges – Pigmente

… mit Feuer und Flamme

Aus der Geschichte des Schwarzpulvers

Farbige Feuer

Erläuterungen

3. Tinten, Farbstoffe und Pigmente in der mittelalterlichen Buchmalerei

Buchmalerei

Kloster Wiblingen bei Ulm

Farbmittel der Buchmalerei

Ruß-Tinten

Eisen-Gallus-Tinten

4. Chemische Experimente mit historischen Arzneien aus Klosterapotheken

Kloster Wiblingen bei Ulm

Kloster Lorch

Kloster Seligenstadt

Klostermedizin

Der Hortulus des Walahfrid Strabo

Allgemeine Durchführung

Salvia = Salbei, Salbei-Tee

Kürbis (Cucurbita pepo L.)

Wermut = Absinthium (Artemisia)

Fenchel

Baldrian

Rettich (Wurzelsaft)

Liebstöckel

Polei-Minze

5. Pharmazeutika aus einer historischen Apotheke

Die Rats-Apotheke in Clausthal

Curcuma

Malven

Borax

Hirschhornsalz

Eisentinkturen

Kaliumpermanganat

Salicylsäure

Bullrich’s Salz

Bad Emser Pastillen

Lithiumcarbonat

Urotropin

6. Pharmazeutisch-chemische Analysen mit einem Probierkabinett

Aus der Geschichte des Deutschen Apotheken-Museums

Der Arzneischatz – die »Materia medica«

Die Vorratshaltung der Apotheke

Das Apothekenlabor – von der Alchemie zur pharmazeutischen Chemie

Das Apothekenlabor der Neuzeit

Göttlings chemisches Probierkabinett

Sedativsalz = Borsäure

Weinsteinsalz = Kaliumcarbonat

Trockenes flüchtiges Laugensalz = Ammoniumcarbonat

Hirschhornsalz

Salmiak = Ammoniumchlorid

Glaubersalz

Blättererde = Kaliumacetat

Bittersalz = Magnesiumsulfat

7. Mineralwasseranalysen mit dem chemischen Probierkabinett aus der Goethezeit und künstliche Mineralwässer

Eberswalde – Museum in der ehemaligen Adler-Apotheke

Schloss Pyrmont

Goethe und die Pyrmonter Quellen

Der Gesundbrunnen bei Helmstedt

Das chemische Probierkabinett aus der Goethezeit

Künstliche Mineralwässer

Geschichtliches

Darstellung

Selters

Mineral- und Tafelwasser-Verordnung

8. Fürstliche Küchenchemie: Lebensmittelchemische Experimente mit historischen Ingredienzien

Über die Feinschmeckerei

Schloss Ludwigsburg

Schloss Urach

Neues Schloss Tettnang

Über die Küchenmeisterei

Gelieren

Färben

Würzen und Überwürzen

Würzweine

Honig oder Zucker

Schwarzer Pfeffer

Weißes Brot

Ein Kapitel europäischer Teegeschichte

Kaffeegesellschaft am Hofe

9. Chemische Experimente rund um das Salz

»Salz« im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm

Die Salzgewinnung bei Agricola

Aus der Geschichte der Lüneburger Salzgewinnung

Kochsalz = Natriumchlorid

Bittersalz

Glaubersalz

Iodsalz

Diätsalze

Badesalze

10. Chemische Belustigungen aus der Barockzeit

Schloss Ludwigsburg

Schloss Caputh

Schloss Ludwigslust

Schloss Heidelberg

Neues Schloss Tettnang

Chemiker in der Barockzeit

Beispiel aus der Mangan-Chemie: Das mineralische Chamäleon

Sechs Farben aus einer Lösung

Kuriöse Prozesse

Zauberkräfte der Natur

Feuerwerke und die Chemie

Sympathetische Tinten

Chemische Gärten

11. Kerze, Zündholz, Feuerzeug: Chemie in Flammen des Alltags

Jagdschloss Grunewald

Aus der Naturgeschichte einer Kerze

Aus der Geschichte des Zündholzes

12. Chemie ganz in Blau: Vom Berliner Blau bis zum Indigo

Aus der Geschichte von Schloss Hohenheim

Die Farbe Blau

Natürliche blaue Pigmente

Künstliche blaue Pigmente

Berliner Blau

Mineralblau - ein Pigment des 19./20. Jahrhunderts

Organische blaue Farbstoffe

Lackmus

Anthocyane

Blauholz

Indigo

13. Der skurrile Helmstedter Professor Beireis und seine Farbenrezepte

Kurzbiographie von Beireis

Aus der Geschichte der Universität Helmstedt

Goethe zu Besuch bei Beireis

Rezept: Beireis-Suppe

14. Mit Harry Potter im chemischen Zauberlabor

Das Schulmuseum in Steinhorst

Die Alchemie bei Harry Potter

Künstliches Blut

Ätherische Öle

Eisenhut mit blauen oder purpurroten Blüten

Feuer

Haferschleim

Honigmet

Johannisbeer-Rum

Heißer Kakao

Magischer Allzweckreiniger

Tinten

Index

Beachten Sie bitte auch weitere interessante Titel zu diesem Thema

G. Schwedt

Noch mehr Experimente mit Supermarktprodukten

Das Periodensystem als Wegweiser

2., vollständig überarbeitete und stark erweitere Auflage

2009

ISBN: 978-3-527-32476-7

G. Schwedt

Experimente mit Supermarktprodukten

Eine chemische Warenkunde

3., vollständig überarbeitete und stark erweiterte Auflage

2008

ISBN: 978-3-527-32450-7

F.R. Kreißl, O. Krätz

Feuer und Flamme, Schall und Rauch

Schauexperimente und Chemiehistorisches

2008

ISBN: 978-3-527-32276-3

H.W. Roesky

Glanzlichter chemischer Experimentierkunst

2006

ISBN: 978-3-527-31511-6

G. Schwedt

Chemie für alle Jahreszeiten

Einfache Experimente mit pflanzlichen Naturstoffen

2007

ISBN: 978-3-527-31662-5

G. Schwedt

Experimente rund ums Kochen, Braten, Backen

2004

ISBN: 978-3-527-31081-4

H.W. Roesky, K. Möckel

Chemische Kabinettstücke

Spektakuläre Experimente und geistreiche Zitate

1996

ISBN: 978-3-527-29426-8

Image

Autor

Prof. Dr. Georg Schwedt

Lärchenstraße 21

53117 Bonn

1. Auflage 2002

Vorwort zur 2. Auflage

Auch nach dem Erscheinen der 1. Auflage dieses Buches wurden die dort ausgewählten Themen von mir mehrmals und an verschiedenen Orten in Experimentalvorträgen vorgestellt – und werden noch immer angefragt. In einigen der Museen werden bei speziellen Veranstaltungen ausgewählte Experimente auch von Museumsmitarbeitern vorgeführt – so beispielsweise im Deutschen Apothekenmuseum in Heidelberg oder auch im Schloss Weikersheim.

In die zweite Auflage wurden einige neue Experimente sowie zwei Kapitel aus dem Buch »Chemische Experimente in naturwissenschaftlich-technischen Museen« aufgenommen: »Die Farben des Berges mit Feuer und Flamme« (Bergbaumuseum Rammelsberg in Goslar, Weltkulturerbe der UNESCO – dort auch Veranstaltungen mit Experimenten) und »Chemische Experimente rund um das Salz« (Deutsches Salzmuseum Lüneburg). Als Orte neu sind das sehenswerte Museum Eberswalde (in der historischen Adler-Apotheke) und das Kloster Maulbronn als Weltkulturerbe der UNESCO. Experimente in einem historischen Kontext (wie der Aufenthalt des Doktor Faustus im Kloster Maulbronn) weisen eine besondere Faszination für das Publikum und auch für den Experimentator und Vortragenden aus.

Zu einem Museum mit ständigem Angebot an Experimentierkursen hat sich vor allem infolge der Förderung durch die Deutsche Telekomstiftung das Deutsche Museum Bonn entwickelt. Dort können Schulklassen in der ExperimentierKüche Kurse zu sehr unterschiedlichen Themen besuchen. In jahreszeitlich wechselnden Programmen (als Abendvorträge und für Kurse) werden ebenfalls zahlreiche Experimente vorgestellt, von denen viele auch in diesem Buch beschrieben sind.

Bonn, im Sommer 2009

Georg Schwedt

Vorwort zur 1. Auflage

Im Kontext der Kulturgeschichte lässt sich nach langjährigen Erfahrungen des Autors chemisches Alltagswissen, seine Entstehung und seine Bedeutung heute, einem breiten Publikum eindrucksvoll, überzeugend und mit nachhaltiger Wirkung am besten in einem historischen Ambiente und mit Hilfe anschaulicher Experimente vermitteln.

Gefördert vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (PUSH: public understanding of science and humanities – Dialog Wissenschaft Gesellschaft), durch die (Kultur)Stiftung Niedersachsen und vom Fonds der Chemischen Industrie konnten, beginnend im Februar 2002, in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg an 30 Orten (in Schlössern, Klöstern und speziellen Museen) von der Mark Brandenburg bis an den Bodensee insgesamt 50 Experimentalvorträge zu 28 verschiedenen Themen organisiert werden.

Die interessantesten Themen werden in diesem Buch im historischen Zusammenhang mit dem Ort des Experimentalvortrags und den Beschreibungen der dort vorgeführten Experimente vorgestellt.

Historisches Bildmaterial, von den Schlössern, Klöstern und Museen, und zu den historischen Themen aus Werken der entsprechenden Zeit illustrieren das übergeordnete Thema Chemie mit Kultur und Geschichte. Abbildungen aus Diplom- und Doktorarbeiten, z. T. unpubliziert, über neuere analytische Untersuchungen verdeutlichen exemplarisch auch den Stand der aktuellen Forschung zu ausgewählten Themen.

Einige der Experimente sind in verschiedenen Kapiteln zu finden, aber in unterschiedlichem Kontext. Auch wird bei einigen der Experimente auf das bereits erschienene Buch des Autors »Experimente mit Supermarktprodukten – eine chemische Warenkunde« (ebenfalls aus einem vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichneten Projekt) hingewiesen.

Die Texte zur Erläuterung der Versuchsergebnisse werden auf das unbedingt Erforderliche und wegen der Einfachheit der meisten Experimente nur Mögliche beschränkt. Zur Vertiefung (sowie im Hinblick auf die Grundlagen) wird auf Lehrbücher der Anorganischen und Organischen Chemie sowie der Lebensmittelchemie verwiesen.

1

Alchemistische Experimente an Fürstenhöfen und im Kloster Maulbronn

Vortragsorte

Schloss Weikersheim (bei Bad Mergentheim) – Schloss Hohenheim (Universität Hohenheim/ Stuttgart) – Schloss Kirchheim/Teck – Juleum Helmstedt, ehem. Universität – Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig – Schloss Rheinsberg – Kloster Maulbronn

Fürstenalchemie

Kaiser Rudolf II. von Habsburg (1552–1612) förderte zahlreiche Alchemisten an seinem Hof, den er (deutsch-römischer Kaiser seit 1576) von Wien nach Prag verlegt hatte. Prag galt zu seiner Regierungszeit als Hochburg der Alchemie. Das Goldene Gässchen in der Prager Burg erinnert noch heute an die Zeit der Alchemisten, ebenso wie das Museum im Pulverturm Mihulka (erster Stock: Entwicklungsanfänge der Wissenschaft in der Renaissance). Seit dem 15. Jahrhundert entwickelten die territorialen Fürstenhöfe in Europa immer mehr Eigenständigkeit sowohl in der Regierung und Verwaltung als auch in der Kultur. Künstler, Handwerker und Alchemisten traten in die Dienste von Grafen und Herzögen. Im 16. und 17. Jahrhundert, zur Zeit der Renaissance, erreichte das Interesse des Adels an der Alchemie ihren Höhepunkt. Bekannte Fürstenhäuser, die Alchemisten beschäftigten oder die Alchemie sogar selbst praktizierten, waren u. a. die Kurfürsten von Sachsen, der Pfalz und von Brandenburg, die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und die Landgrafen von Hessen-Kassel. Namentlich hervorgetreten sind Kurfürst Johann Georg von Brandenburg (reg. 1571–1598), der den Arzt, Montanisten und Alchemisten Leonhard Thurneysser (1531–1596) beschäftigte, Herzog Friedrich I. von Württemberg (regierte 1593–1608), der mehrere Laboratorien (in Stuttgart und Kirchheim/Teck) mit zahlreichen Laboranten betrieb, Kurfürst August von Sachsen (1526–1586), der in Dresden ein alchemistisches Laboratorium unterhielt (vom Volk als »Goldhaus« bezeichnet), Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572–1632), genannt der Gelehrte, und Graf Wolfgang II. von Hohenlohe mit einem eigenen Alchemielaboratorium im Schloss Weikersheim. Das Interesse der Fürsten an der Alchemie ging über die reine Goldmacherei weit hinaus. Sie betrieben Alchemie unter wirtschaftlichen, medizinischen und metaphysischen Aspekten. Wie die Literatur dieser Zeit lassen sich auch die Schwerpunkte in alchemistischen Laboratorien in rein alchemistische (mit dem Ziel der Transmutation von Metallen sowie der Suche nach dem Lebenselixier), praktisch-chemische und chemiatrische (pharmazeutische) Arbeiten unterteilen. Sogar der aufgeklärte König von Preußen, Friedrich II., interessierte sich noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts für das Treiben von Alchemisten, worüber der Briefwechsel mit seinem Kammerdiener, Kammerherrn und Kabinettssekretär Michael Gabriel Fredersdorf (1708–1758) Zeugnis ablegt (s. u.).

Abb. 1Goldmacher und Schwarzkünstler in ihrem Laboratorium – Kupferstich um 1570

c01_image001.jpg

(Siehe Claus Priesner und Karin Figala: Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München 1998. Stichwort: Fürstenalchemie, von Pamela H. Smith, S. 140–143.)

Schloss Weikersheim

In einem der bedeutendsten Renaissanceschlösser des Landes Baden-Württemberg wurde im Zusammenhang mit den Forschungen von Jost Weyer (Universität Hamburg) in der ehemaligen Schlossküche eine sehenswerte ständige Alchemieausstellung eingerichtet. Das Schloss ließ um 1600 Graf Wolfgang II. von Hohenlohe (1546–1610) erbauen. Die fast vollständig erhaltene barocke Innenausstattung der Wohnräume stammt aus der Zeit ab 1710, als auch der Schlossgarten vor der südlichen Fassade der Residenz angelegt wurde. 1756 erlosch das Haus Hohenlohe-Weikersheim. Das Bauwerk und die Innenausstattung blieben unverändert erhalten. 1967 wurde das Schloss Weikersheim vom Land Baden-Württemberg übernommen und gehört heute zu den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg.

Graf Wolfgang, der an der Universität Tübingen von 1558 bis 1560 studiert und Bildungsreisen nach Paris und England unternommen hatte, verlegte seine Residenz von Langenburg nach einer Landesteilung 1587 nach Weikersheim. Der Neubau des Schlosses erfolgte von 1595 bis 1603. Aus Burgvogteirechnungen lässt sich feststellen, dass Graf Wolfgang bereits 1588 ein bescheidenes Laboratorium, einen wahrscheinlich freistehenden Bau, betrieb, dessen Lage sich jedoch nicht rekonstruieren ließ. 1603 war nach Bauzeichnungen von 1598 auch das »neue Laboratorium« im Zwinger komplett fertiggestellt und zugleich eine neue Apotheke in der ehemaligen Schlossküche eingerichtet worden. In den folgenden Jahren führte der Graf eigenhändig chemische Experimente durch. 1609 erlitt er in seinem Laboratorium einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 28. März 1610 verstarb. Für seine alchemistischen Arbeiten stand ihm ein fest angestellter Laborant zur Verfügung. Anhand von Archivalien gelang Jost Weyer sowohl eine Rekonstruktion des alchemistischen Laboratoriums als auch eine Zusammenstellung der im Laboratorium vorhandenen Chemikalien und Gerätschaften. Auch ein betrügerischer Goldmacher namens Michael Polhaimer weilte als Häftling und später als Kanzlist in Weikersheim (1595–1598). Graf Wolfgangs Motive für seine Beschäftigung mit chemischen Experimenten im Sinne einer Liebhaberei – unter dem Motto Lust haben zu chymischen Sachen – waren nach Jost Weyer die Suche nach einer Entspannung von den Regierungsgeschäften, aber auch die Verwendung chemisch-alchemistischer Kenntnisse für die praktische Chemie. Im Unterschied zu anderen Fürsten wie z. B. dem Herzog Friedrich von Württemberg (s.u.) standen die nachweisbaren Ausgaben für sein Laboratorium in einem vernünftigen Verhältnis zu den übrigen Kosten seines Hofes.

Abb. 2 Schloss Weikersheim mit Barockgarten

c01_image002.jpg

(Jost Weyer, Graf Wolfgang II. von Hohenlohe und die Alchemie. Alchemistische Studien in Schloß Weikersheim 1587–1610. Forschungen aus Württembergisch Franken. Herausgegeben vom Historischen Verein für Württembergisch Franken, dem Stadtarchiv Schwäbisch Hall und dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein. Band 39. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1992.)

Stuttgart in Württemberg

1598 schickte Herzog Friedrich I. von Württemberg (geb. 1557, reg. 1593–1608) nach einem bereits 1597 erfolgten Briefwechsel alchemistischen Inhalts (s. S. 305–309 bei Jost Weyer) einen Laboranten zu Graf Wolfgang II. von Hohenlohe (s.o.) nach Weikersheim, der den Grafen beim Entwurf des neuen Laboratoriums beriet. Friedrich I. hatte im Stuttgarter alten Lusthaus im herzoglichen Tier- und Lustgarten, Laboratorien einrichten lassen, für die er selbst 1595 eine Geschäftsordnung ausgearbeitet hatte. Nach H.-G. Hofacker besaß das Laboratorium alle Vorrichtungen und Geräte für metallurgische Analysen und für den Metallguss, Waagen aller Art und eine Vielzahl von Öfen und Blasebälgen. Es waren auch diejenigen chemischen Substanzen vorhanden, die nach den zeitgenössischen Theorien der Alchemie für die Transmutation, die Verwandlung unedler Metalle in Gold, notwendig waren. Hofacker stellt fest, dass manche der nachweisbaren Materialien auch der paracelsischen Iatrochemie zugeordnet werden können, d. h. sie könnten zur Herstellung von Pharmazeutika auf »chemischer« Grundlage mit Hilfe der alchemistischen Labortechnik gedient haben. 1595 führte der Herzog mit einem paracelsischen Antimonpräparat einen Selbstversuch durch, der ihn beinahe das Leben kostete. Im Mai 1599 warf der württembergische Landtag dem Herzog vor, seine Hofhaltung, insbesondere seine Alchemisten, belaste das Land finanziell übermäßig. Aus dem »Neuen Württembergisches Dienerbuch « (Walter Pfeilsticker, Bd. 1, Stuttgart 1957, s. S. 301 bei Jost Weyer) ist die Anzahl der Alchemisten und Laboranten in Stuttgart zur Regierungszeit Friedrichs zu entnehmen. Es werden 2 Inspektoren, 10 Hofalchemisten, von denen 5 hingerichtet wurden, 7 Gehilfen der Hofalchemisten, 33 Laboranten, 6 »Bossler« oder »Bosselknechte« (Handlanger), 2 Goldschmiede, 2 Häfner, 2 Schreiber und 11 Mitarbeiter im Laboratorium ohne Berufsbezeichnung genannt. Die Oberaufsicht über die Laboratorien – ein weiteres wurde im Stuttgarter Neuen Spital und im Freihof in Kirchheim/Teck (s.u.) eingerichtet – hatte der Herzog. Friedrich besaß ein Privatlaboratorium in einem der Eckerker des Lusthauses, wo Ende 1607 eine Anlage zur »Vermehrung« von Gold aufgebaut war. Die »fürstliche Alchemie« verfolgte nicht nur das Ziel, Gold aus unedlen Metallen zu gewinnen, um das glanzvolle höfische Leben finanzieren zu können, sondern sollte zugleich – nach dem neuen Staatsdenken – auch den Wohlstand der Untertanen erhöhen. Darüber hinaus hoffte der Herzog aus der alchemistischen Goldmacherei das notwendige Kapital zur Förderung der Gewerbe (Bergwesen, Suche nach Rohstoffen wie Schwefel und Salpeter) zu erlangen. Im Lusthaus-Laboratorium wurden einheimische Erze analysiert und metallurgisch-analytische Arbeiten nach dem Vorbild der »Probierstuben« großer Bergreviere durchgeführt. Dazu schreibt H.-G. Hofacker:

Abb. 3 Das Schloss in Stuttgart mit dem fürstlichen Lustgarten – nach einem Merianstich des 17. Jahrhunderts

c01_image003.jpg

»Bis in die Einzelheiten folgte man diesen Vorbildern. Jeder Arbeitstag im Laboratorium begann mit einem kräftigen Frühstück, zu dem die Hofküche und die Hofmetzgerei die ›Hofsuppe‹ und Fleisch lieferten. Die Laboranten erhielten Wermutwein und dreimal in der Woche Butterbrote. Gewürzter Wein, Butter und Rahm galten als beste Mittel gegen die gesundheitlichen Schäden, die von den Gasen drohten, die bei den Röst- und Schmelzprozessen der Metalle entstanden. Die reichen Silbervorkommen, die man an der Teck, am Hohenneuffen und bei Urach vermutete, sind bis heute aber ebenso unentdeckt geblieben wie das Gold und die Edelsteine bei Münsingen, bei Pfullingen und auf der Ostalb. Im Lusthaus wurde auch das Wasser des bei der Suche nach Steinsalz neu ins Blickfeld geratenen ›Sauerbronnens‹ bei Boll analysiert. Die Untersuchung ergab, dass es eine wundersame Heilkraft bei allen Gebrechen besaß – kein Wunder, dass Herzog Friedrich dort ein repräsentatives Heilbad errichten ließ.«

(Hans-Georg Hofacker: Alchemie und Alchemisten am Hof Herzog Friedrichs I. von Württemberg, Schwäb. Heimat, Heft 4 (2000) S. 439–446.)

Schloss Kirchheim/Teck

Das Renaissance-Schloss in der seit 1381 unter württembergischer Herrschaft stehenden Amtsstadt wurde zwischen 1538 und 1556 erbaut. Es bildet ein mächtiges Bollwerk mit tiefen Gräben und schweren Geschütztürmen an der südwestlichen Ecke der Stadtumwallung. Wesentliche Umbauten wurden 1735 und 1794 durchgeführt. 1598 warb Herzog Friedrich I. von Württemberg (s. o.) den Alchemisten Hans Heinrich Nüscheler aus Zürich an. Er schloss mit ihm einen Vertrag, wonach dieser ihm mit Hilfe eines Partikularprozesses aus 1 Mark (= 8 Unzen = 233,85 g) Silber 4 Lot (= 58,48 g) Gold herzustellen versprach. Der Prozess sollte so beschaffen sein, dass ihn der Herzog selbst ausführen könnte. Dafür versprach Friedrich dem Züricher Alchemisten eine Belohnung von 20 000 fl (Gulden). Nüscheler erhielt den Freihof in Kirchheim unter Teck als Eigentum und ihm wurde vom Herzog dort auch ein Laboratorium eingerichtet. Für die Herstellung einer Universaltinktur erhielt er vom Herzog weitere 1000 fl. Mehrere Termine zur Ablieferung ließ er jedoch verstreichen, woraufhin er im März 1601 gefangen genommen wurde. Er gab seinen Betrug zu, wurde zum Tode verurteilt und im Juli 1601 am eisernen Galgen in Stuttgart gehenkt.

Braunschweig (und Helmstedt)

Als jüngster von drei Söhnen des Herzogs Heinrich des Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel und seiner Gemahlin Marie, Tochter des Herzogs Heinrich I. zu Württemberg, wurde 1528 Julius in der Residenz Wolfenbüttel geboren. Er studierte 1549 bis 1552 in Bourges (Frankreich) und Löwen (Niederlande), heiratete 1560 Hedwig, eine Tochter des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg, und übernahm, da beide Brüder bereits 1553 gefallen waren, nach dem Tod des Vaters 1568 die Regierung. Er führte in seinem Land die Reformation (ab 1568) ein. 1576 gründete er die Universität in Helmstedt, nachdem Kaiser Maximilian II. am 9. Mai 1575 das Privileg zur Gründung der Universität erteilt hatte (s. auch Kap. 13). Heinz Grunow folgt den Darstellungen des fürstlich-braunschweigischen Beamten Franz Algermann, der im Todesjahr 1598 seines Herzogs dessen Biographie veröffentlichte, in der vom Wolfenbütteler Gelehrten Friedrich Karl von Strombeck 1822 herausgegebenen redigierten Fassung:

»Besondere Aufmerksamkeit widmete der Herzog, ›der emsige und fleißige Haushalter‹, den Bergwerken des Harzes, ›dieweil die Bergwerke eine besondere Gabe und Geschenk des Allerhöchsten‹ sind. Er sorgte für getreue Bergverständige, fleißige Räte, Diener und Leute, die ihm uneigennützig treu dienten. Jeden Donnerstag mußten sie ihm einen richtigen Auszug aller Berg-Register und Sachen vorlegen und über den Zustand der Bergwerke berichten. Am Sonnabend mußten alle Ämter eine weiteren Auszug liefern, so daß der Herzog eine ständige Übersicht darüber hatte, was in jedem Bergwerk an Materialien, Erzen, Blei und Vitriol, auf jedem Amte an Vieh und Korn an Vorräten vorhanden war. Von diesen Auszügen stellte dann die Zahlkammer eine Pergamentrolle her, die der Herzog in zwei silbernen Röllchen am Halse trug und daher wußte, ›was sie täglich einzukommen und zu heben hatten‹. Er wußte über sein Vermögen genau Bescheid.«

Trotz dieses umsichtigen Wirtschaftens fiel der Herzog 1568 auf einen Alchemisten herein. Philipp Sömmering, der sich Therocyclus nannte, war der Sohn eines Pfarrers aus Tambach im Thüringer Wald. Er hatte die Lateinschule in Schmalkalden und drei Jahre lang die Gothaer Klosterschule besucht. Nach einem Aufenthalt in Jena ging er auf Wanderschaft, wurde als Schulmeister und als Kaplan tätig und schließlich 1554 von Melanchthon sogar ordiniert. So bekam er eine Pfarre in der Nähe von Gotha (von Schönau und Wippenrode). Er widmete sich alchemistischen Studien, studierte in einer Erfurter Apotheke die Pflanzenarten und begann eigene Experimente mit dem Saft der Nachtviole durchzuführen. Er kaufte für die hohe Summe von 400 Talern ein alchemistisches Werk mit dem Titel »Hexameron Bernardi«. Über den Alchemisten Bernardus Trevirensis ist biographisch wenig bekannt. Er lebte wohl im 15. Jahrhundert. Schriften mit den Namensvarianten Bernardus Trevisanus, Bernhard Graf von Trevigo und Bernardus von Treviso erschienen in Deutsch, Englisch und Französisch noch im 16. Jahrhundert und wirkten bis in das 17. Jahrhundert (William R. Newman in C. Priesner u. K. Figula: Alchemie). Zusammen mit dem Amtskollegen Abel Scherding in Hohenkirchen suchte er jene geheimnisvolle Tinktur zu finden, die unedle Metalle in Gold verwandelt und deren Heilkraft das menschliche Leben vor Siechtum und Alter bewahren soll. (A. Rhamm: Die betrügerischen Goldmacher am Hofe des Herzogs Julius von Braunschweig, Wolfenbüttel 1883.) Ein weiterer Pfarrer, Nikolaus Solia, vermittelte beiden Alchemisten eine Verbindung zum Hof in Gotha. In einem Vertrag vom 6.11.1566 zwischen Sömmering sowie Scherding und dem Herzog Johann Friedrich verpflichtete sich dieser, den beiden Alchemisten 16 Lot (ca. 240 g) geschlagenes, reines Feingold, Kohlen und andere Arbeitsmittel zu zahlen und als Gewinn ein Zehntel der zukünftigen Erträge zu gewährleisten. Zuvor hatte der Herzog schon einem anderen Alchemisten namens Blumenecker ein Laboratorium in Reinhardsbrunn eingerichtet, in dem die beiden geistlichen Herren ihre Arbeit aufnahmen, ohne Erfolge vorweisen zu können. Kriegswirren nutzten die beiden deshalb zur Flucht und so gelangte Sömmering nach Allendorf, wo er als Salzsieder bei dem hessischen Bergmeister Johannes Rhenanus unterkam. Von diesem erfuhr Sömmering, dass Herzog Julius beabsichtigte, in Bündheim am Harz ein neues Salzwerk zu errichten. Er begab sich dorthin, arbeitete einige Monate unter schwersten Bedingungen und bekam schließlich durch die Bekanntschaft mit dem Leibarzt des Herzogs Julius, Dr. Jodokus Pellitius aus Hamburg, der die Saline besuchte, eine Audienz am Hofe vermittelt.

Abb. 4 Ein vornehmer Alchemist in seinem Laboratorium – Titelbild des Werkes »Practica Naturae vera« von Christian Friedrich Sandimir von Siebenstern (von Sabor) 1721 (Calvörsche Bibliothek in der UB Clausthal)

c01_image004.jpg

Anhand der Kriminalakten im Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel sowie der Publikationen von A. Rhamm 1883 und in unserer Zeit durch den »Kriminalbericht« von Heinz Grunow »Die Spur führt nach Wolfenbüttel« sind wir über den weiteren Weg des Alchemisten Sömmering umfassend unterrichtet. Er soll hier verkürzt wiedergegeben werden.

Zusammen mit einem zwielichtigen Pärchen und dem Lübecker Sylvester Schulfermann, als Schnapphahn und Vagabund bezeichnet, kam Sömmering im Herbst 1571 wieder nach Wolfenbüttel, wo er mit dem Herzog einen Vertrag schloss. Er bekam eine Wohnung, Unterhalt, fürstlichen Schutz und allen Arbeitsbedarf für die Verpflichtung, die Erträgnisse der Bergwerke zu steigern und vor allem binnen Jahresfrist ein Lot der philosophischen Tinktur herzustellen, durch die geringe Metalle in Gold verwandelt werden könnten. Seine »Mitstreiter« wurden in einer Herberge in der Heinrichsstadt untergebracht, Sömmering erhielt in der alten Apotheke vor dem Schloss eine Wohnung und ein Laboratorium. Über die Arbeiten Sömmerings schrieb Gunzow: » … Im Laboratorium quälte sich Sömmering mit Tiegeln und Retorten ab, durch Herstellung der quinta essentia vini die Grundlage der Tinktur zu gewinnen. Während des Prozesses gab er sein Rezept bekannt: Der Anfang der Tinktur sei, wenn er spiritum et animam (vini) habe und dann Mercurium dazusetze. Der Wein sei deshalb für den Herstellungsprozeß unentbehrlich, weil der Wein das edelste Wesen aller Dinge sei und wunderbare Eigenschaften habe. Wie man den echten Weingeist gewinnt, hat er im Verhör vom 9.7.1574 ausführlich geschildert.«

Und damit ist auch schon des Ende dieser Geschichte genannt. Sömmering konnte zwar eine Verlängerung seines Vertrages erreichen – in dieser Zeit konstruierte er nach alten Büchervorlagen Musketenrohre, suchte nach heilkräftigen Kräutern, versuchte Perlen künstlich herzustellen und Mittel gegen Pestilenz und Hühneraugen zu finden –, aber zahlreiche Intrigen seiner Genossen und der ausbleibende Erfolg seiner Arbeiten veranlassen ihn im Januar 1574, vom Herzog den Abschied zu erbitten, »da die heimlichen Verfolgungen kein Ende nähmen, und der Verdacht der Zauberei stets wieder auftauche«. (Gunzow) Nach einem ungünstigen Bescheid dieses Gesuches bereitete Sömmering seine Flucht vor, wurde jedoch um Pfingsten 1574 in der Wolfenbütteler Festung in sichere Haft genommen. Unter Vorsitz des Sohnes von Herzog Julius, des erst zehnjährigen Erbprinzen Heinrich Julius, wurde nach Aufdeckung aller Missetaten der gesamten Bande und ihrer Verbündeten am 4.2.1575 auf einem Rechtstag das Urteil, die Todesstrafe, verkündet. Am 7.2. erfolgte die Vollstreckung des Urteils in der Nähe des Schlossplatzes, wo sich heute die Herzog-August-Bibliothek befindet. Der Alchemist Philipp Sömmering wurde auf der Richtstätte mit glühenden Zangen zerrissen, geschleift und gevierteilt. Abschließend schrieb Gunzerow zu diesem Prozess (in »Herzog Julius«):

»Obwohl Sömmerings Versuch, die Produktion der Bergwerke noch mehr zu steigern, fehlschlug, weil dieser vom Bergbau überhaupt nichts verstand, und obwohl es Sömmering auch nicht gelang, Gold herzustellen – so inventierte [veraltet für: Bestand aufnehmen] Algermann im Jahre 1582: 1050 Zentner Messingwaren, 100 Zentner Kupferwaren, 22 Zentner Eisenwaren, 100 Zentner Glockenspeise. Das weitere Vermögen des Herzogs schätzte er auf 7 Tonnen Gold. …«

Das Tun eines weiteren betrügerischen Alchemisten im Herzogtum Braunschweig bezeugt ein »goldglänzender Becher« aus dem Kunst- und Naturalienkabinett des Herzogs Carl I. (regierte 1735 bis 1780). Der Begründer des Collegium Carolinum (1745, heute TU) und der Fürstenberger Porzellanmanufaktur (1747), der Lessing als Bibliothekar nach Wolfenbüttel berief, war sowohl aus naturwissenschaftlichem Interesse als auch aus Finanznot Alchemisten gegenüber aufgeschlossen. Der Becher von 1773 wird im Braunschweigischen Landesmuseum aufbewahrt und war Exponat in der Ausstellung »Weltenharmonie. Die Kunstkammer und die Ordnung des Wissens« im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig im Jahr der EXPO 2000. Dem Ausstellungskatalog ist zu entnehmen, dass der goldglänzende und schwergewichtige Becher (895,6 g bei einer Höhe von 12,4 cm und einem Durchmesser von 7,3 cm unten) aus feuervergoldetem Messing besteht. Nach einer zeitgenössischen Notiz soll er »von einem betrügerischen Goldmacher« für Herzog Carl I. angefertigt worden sein. Aus Bearbeitungsspuren ist zu schließen, dass der Becher wohl auf Anordnung des Herzogs einer Materialanalyse unterzogen wurde. Sie ergab, dass sich der »Goldbecher« »von einer gewissen Composition aus Zink, Kupfer und Gallmey, wovon die wenige Vergoldung nur mit übergroßen Kosten wieder zu erhalten stehet … « zusammensetzt.

Alfred Walz schreibt im Kapitel »Chemie« des Kataloges über den Zusammenhang zwischen alchemistischen Laboratorien und Kunstkammern u. a. (s. S. 296 in zitiertem Katalog):

»Die an den Fürstenhöfen eingerichteten alchemistischen Laboratorien standen zum Teil in einer direkten räumlichen wie inhaltlichen Zuordnung zur Kunstkammer. Ähnlich anderer, demselben Bereich zugehörigen Funktionsräumen wie Rüstkammern, Werkstätten oder Bibliotheken betrachtete man sie mehr oder weniger als Erweiterungen der Kunstkammer. Ihre räumliche Trennung vom Hauptraum dürfte meist eher aus funktional zweckmäßigen als aus inhaltlichen Gründen vorgenommen worden sein. Als Abteilungen der Kunstkammer waren solche Laboratorien immer auch Sammlungs- und Schauräume.«

Kunstkammern und Naturalienkabinette entstanden an Fürstenhöfen seit dem 15. Jahrhundert als Sammlungen zahlreicher Gegenstände – von antiken Münzen, Gemmen, Goldschmiedearbeiten, Uhren, wissenschaftlichen Instrumenten bis zu Naturalien wie Straußeneiern, Schlangenhäuten, Kokosnüssen und anderen exotischen Naturprodukten.

Schloss Rheinsberg und Friedrich der Große

Aus der Anlage einer mittelalterlicher Wasserburg des 13. Jahrhunderts entwickelte sich nach einem Brande im Jahre 1566 zur Zeit des damaligen Besitzers Achim von Bredow ein Schloss im Stil der Renaissance. Später kam die hugenottische Familie Cheveneux de Beville in den Besitz des Schlosses, von der es König Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688–1740) aus Anlass der Heirat seines Sohnes, des Kronprinzen Friedrich (1712–1786) und späteren Königs Friedrich II. (mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern), im März 1734 erwarb. Zuvor hatte der Kronprinz in der benachbarten Garnisonstadt Neuruppin in einem Bürgerhaus gewohnt. In seinem ersten Brief an den Philosophen Voltaire vom 8. August 1736 spielen auch die Naturwissenschaften eine Rolle. 1739 berichtete Friedrich an Voltaire, er werde sich kopfüber in die Physik stürzen. Er beschäftigte sich auch mit Versuchen zur Funktion der Luftpumpe, mit Untersuchungen über die Rolle der Luft auf das Keimen der Erbse, das heißt, mit Fragen der seinerzeit aktuellen »pneumatischen Chemie«. Friedrich plante noch 1739 einen Umbau in Rheinsberg, bei dem in einem Turm ein Saal für physikalische Experimente eingerichtet werden sollte. Der Tod seines Vaters 1740 verhinderte die Ausführung dieser Pläne.

1754 wurde der als aufgeklärter Monarch geltende Friedrich ein Opfer betrügerischer Goldmacher. Von seinem späteren Leibarzt, dem Königlich-Hannoverschen Leibarzt Johann Georg Zimmermann (1728–1795), ist folgender Ausspruch des Königs überliefert:

Abb. 5 Schloss Rheinsberg – eine märkische Residenz im 18. Jahrhundert

c01_image005.jpg

» … Goldmacherei ist eine Art von Krankheit, sie scheint oft durch Vernunft eine Zeitlang geheilt, aber dann kommt sie unvermutet wieder, und wird wirklich epidemisch. Bei Fredersdorf hatten sich hier in Potsdam Alchymisten gemeldet; dieser glaubte fest daran und ließ sich mit ihnen ein. Bald verbreitete sich das Gerücht dieser Unternehmungen über die ganz Garnison, und es war kein Fähnrich in Potsdam, der nicht hoffte, durch Alchymie seine Schulden bezahlen zu können.« (Siehe auch in R. Federmann.)

Abb. 6 Porträt des Königs Friedrich II. von Preußen – Friedrich des Großen (Holzschnitt von J. G. Unger)

c01_image006.jpg

Authentischer sind jedoch die Informationen aus dem Briefwechsel Friedrichs des Großen (in deutscher Sprache, die er in sehr eigenwilliger Orthographie und Grammatik verfasste) mit seinem vormaligen Kammerdiener und Vertrauten Michael Gabriel Fredersdorf (1708–1758). Der Sohn des Stadtmusikus aus Garz an der Oder (bei Stettin) stieg vom Soldaten im Musketierregiment zu Frankfurt an der Oder bis zum »Geheimkammerier« (Verwalter der königlichen Schatulle) auf. Kurz nach der Thronbesteigung machte Friedrich seinem Kammerdiener das Gut Zernikow bei Rheinsberg zum Geschenk. Fredersdorf legte dort Maulbeerpflanzungen an, ließ eine Ziegelei bauen und erzeugte in Brauereien zu Köpenick und Spandau »Fredersdorfer Bier«. Er gründete in der Friedrichstraße Nr. 210 in Berlin ein eigenes Laboratorium, wo zeitweise mehrere Adepten beschäftigt waren. Fredersdorf behauptete, die Alchemie weniger aus Eigennutz als zum Nutzen seines Königs zu betreiben. Die einschlägigen Briefe stammen aus der Zeit von 1753 bis 1756. Zunächst lehnte Friedrich im Sommer 1753 das Angebot eines »Goldmachers«, von Fredersdorf vermittelt, ab – denn ein Goldmacher sei nicht besser als ein Kurpfuscher. Dann jedoch taucht eine Alchemistin unter den Namen »Madame Nothnagel« auf. Und der König schreibt:

»Pflege dir erst, daß du besser wirst, dann können wir Gold und Silber machen. Und wann du ja quacksalbern willst, so mache lieber Proben mit Gold und Silber, als wie mit allerhand verfluchte Medizinen auf deinen Leib!«

Im September 1753 erhält der König wieder einen Brief von Fredersdorf zur Goldmacherei. Aber er antwortet: » … ich bin wie Thomas, lege ich nicht meine Finger in seine Seitenmale, so glaube ich nicht.« Doch kurz darauf heißt es: »Habe keine gute opinion … aber mache du Gold und Silber in der größten Menge.« Das fortgesetzte Werben von Fredersdorf für alchemistische Versuche führt zur überraschenden Zusage zum Empfang der Frau Nothnagel: » …, wozu sie aber in Mannskleidern drüben in die Camera kommen soll.« Der König gewinnt keinen guten Eindruck, gibt aber Fredersdorf trotzdem den Auftrag, einen Vertrag (ein Patent) aufzusetzen. Das »künstlich hergestellte Gold« soll jedoch zur Prüfung an die Münze gegeben werden, als persönliches Eigentum des Königs – »so kann uns keiner in die Karten gucken.«

Friedrich schreibt: » … man kann sich nicht aus dem Sinn schlagen, was man im Sinne gehabt hat …«, aber auch: »Sie will uns betrügen.« Und in der zweiten Hälfte des Septembers im Jahre 1753 ist aus Briefen an Fredersdorf zu entnehmen: »Die gewisse Person hat uns betrogen, du hättest mich bald verführt.« Und etwas später: » … die gute Frau bildet sich mehr von ihrer Wissenschaft ein, als es wahr ist. Könnt sie Gold machen, so hätte sie es längst gemacht.« Nach der Reise Friedrichs nach Schlesien (25. Oktober bis 5 November 1753) teilte Fredersdorf seinem König mit, Madame Nothnagel hätte etwas Gold gemacht. Und dieser antwortet: »Wegen der Frau so lasse nur von jeder Schmelt(z)e ein Stück durch einen guten Goldschmied probieren, der wird sehen, ob es Messing, Kupfer oder Gold ist.« [Siehe dazu das Experiment 17.] »Und das kann man heut nachmittag wissen, wann es geschmolzen wird. Ist es dann richtig, so schreibe nur Finken (Berliner Münze) ich hätte für mein Konto Gold kommen lassen und sollte er es prägen … ich bin fast gewiss und überzeugt, daß es wieder Wind sein wird.« Diese Affäre ist Ende November 1753 dann endlich beendet.

Im Dezember 1753 taucht ein neuer Alchemist namens Zimmermann auf. Der König aber schreibt an Fredersdorf: » … was deine Goldmacherei angehet, hatte ich gehofft, daß du alles vergessen hättest.« Trotzdem schließt Friedrich »ganz unbesonnen« 1754 einen Vertrag mit dem Alchemisten Drop, aus dem er nur mit Hilfe von Fredersdorf wieder herauskommt. Als Friedrich erfährt, dass der Herzog von Braunschweig 10 betrügerische Alchemisten festgesetzt hat, schreibt er: » … aber ich lasse sie laufen … habe alle meine Wünsche … verbrennet.« Im Jahr des Einmarsches in Schlesien, dem Beginn des Siebenjährigen Krieges, lesen wir in einem Brief vom 16. April 1756 an Fredersdorf, » … daß in Berlin ein neuer Goldmacher ist und steht zu Dienst … « Und Fredersdorf antwortet auf diesen spöttisch gemeinten Hinweis, er sei seinen Hoffnungen stets nur zum Nutzen des Herrschers nachgegangen und habe sie noch nicht ganz aufgegeben.

Kloster Maulbronn

Das 1993 als UNESCO-Weltkulturdenkmal in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Kloster Maulbronn wurde 1147 von Zisterziensern gegründet. Grund und Boden waren für den Bau einer Kirche und Klausur vom Bischof Günther von Speyer gestiftet worden. 1178 wurde die Klosterkirche vom Bischof von Trier geweiht. Im 14. Jahrhundert übernahmen zunächst die Grafen von Württemberg, ab 1366 die Pfalzgrafen bei Rhein die Schirmvogtei des Klosters. 1504 eroberte Herzog Ulrich von Württemberg Maulbronn und erhielt die erbliche Vogtei. Er führte 1534 die Reformation ein. Der Konvent wanderte auf der Flucht vor der Reformation in das Elsaß aus und kehrte von 1548 bis 1552 nach der Niederlage der protestantische Fürsten im Schmalkaldischen Krieg noch einmal nach Maulbronn zurück. 1556 wurde das Kloster unter Herzog Christoph mit Einführung der »Großen Kirchenordnung« in eine evangelische Klosterschule umgewandelt. 1807 wurde ein evangelisch-theologisches Seminar gegründet, das bis heute besteht.

Von 1512 bis 1518 wirkte Johann Entenfuß (gest. 1525) als Abt des Klosters. Im »Fürstlich Württembergischen Dienerbuch« aus dem 17. Jahrhundert berichtet der Archivar Philip Jacob Zeiter: Johannes Entenfuß de Evisheim (…) ist Dr. Fausten deß Zauberers Collega gewesen, welcher diesen Abbte zu Maulbronn besucht. Derselbe Text ist auch im Maulbronner Äbteverzeichnis des 18. Jahrhunderts zu finden. Über den Alchemisten, Astrologen und Wunderheiler Johann Georg Faust, geboren um 1480 in Knittlingen, gestorben um 1640 in Staufen im Breisgau, sind nur wenige historische Quellen überliefert. Eine davon berichtet über den Aufenthalt von Faust im Klostermaulbronn im Jahre 1516. Johnann Entenfuß war ein baufreudiger wenn nicht gar baubesessener Abt. Er ließ das Fürstengemach, das Herrenbad, den Winterspeisesaal, einen Erker und die Wendeltreppe zwischen Herrenhaus und Oratorium erbauen und vollendete das Schmuckstück des Maulbronner Kreuzganges, die Brunnenkapelle. Dadurch geriet das Kloster in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten – und vielleicht hatte er deshalb Faust zu Hilfe gerufen. Der Faustforscher Günter Mahal berichtet in seinem Buch »Faust. Der Astrologe, Alchemist und Wunderheiler Johann Georg Faust, Zeitgenosse Luthers. Leben, Wirken und Zeit des großen deutschen Magiers. Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens« (Bern und München 1980) über mögliche Quellen zu Fausts Leben und Wirken und schreibt im Kapitel »Faust als Alchemist und Magier«, dass dieser möglicherweise auch versucht habe, auf chemischem Wege Gold herzustellen. »In der Geschichte von Maulbronn ist davon die Rede, wo er dem Abt Entenfuß wieder aus den roten Zahlen zu helfen versuchte; ein Engagement als Goldmacher hat man auch für seinen Aufenthalt in Staufen vermutet, weil dort kurz vor 1540 das ortsansässige Grafengeschlecht verarmt war und dringend einer finanziellen Spritze bedurfte. Faust, so folgerte man aus seinem mit teuflischem Rot garnierten Todesreport in der Zimmerischen Chronik, könnte beim Experimentieren durch eine Explosion in seiner »Alchemistenküche« ums Leben gekommen sein.« – In Maulbronn erinnern heute der Faustturm, die Faustküche und das Faustloch an den Aufenthalt des Doktor Faustus.

Alchemistische Umwandlungen – Transmutationen

Die Umwandlung unedler Stoffe, vor allem von Metallen, in Gold oder Silber wird schon in Schriften von Alchemisten der Antike für möglich gehalten und als Transmutation bezeichnet. Jede mit einer Farbänderung der Metalle verbundene chemische Operation (Tingierung genannt = oberflächige Färbung von Metallen) wurde als Umwandlung in einen neuen Stoff angesehen. Die frühen Alchemisten verstanden unter »Gold« nicht nur das echte Gold, sondern auch dessen Legierungen, vergoldete Metalle, Legierungen mit goldähnlichem Aussehen und häufig ganz allgemein Stoffe mit goldener Farbe. Für solche Transmutationen wurde die Anwesenheit der »Quinta essentia«, eines Elixiers, für notwendig gehalten.

(Nach Siegfried Engels in: ABC Geschichte der Chemie, Leipzig 1989.)

Experiment 1 Ausfällung von Kupfer aus einer Kupfervitriol-Lösung (Kupfer in Vitriolsäure) mit Hilfe des unedleren Eisens

Materialien

Reagenzgläser, großer (blanker) Eisennagel, Eisenfeilspäne, Kupfersulfat (Kupfervitriol)

Durchführung

Kupfervitriol-Kristalle werden in so viel Wasser gelöst, dass eine blaue Lösung entsteht. Die Lösung wird auf drei Reagenzgläser aufgeteilt. In das eine Glas stellt man den blanken Eisennagel, der nur halb in die Lösung eintauchen sollte. Dem zweiten Glas werden Eisenfeilspäne hinzugefügt, durch Schütteln wird die Umsetzung etwas beschleunigt.

Beobachtungen

Die Hälfte des Eisennagels, die sich in der Kupfervitriol-Lösung befand, hat eine braunrote Farbe angenommen. Die Lösung mit den Eisenfeilspänen ist nahezu farblos geworden.

Erläuterungen

Aufgrund seines geringeren Normalpotentials hat das Eisen das edlere Kupfer aus der Lösung verdrängt (entsprechend seiner Stellung in der elektrochemischen Spannungsreihe):

c01_image007.jpg

(Siehe auch Kap. 2, Experiment 20)

Experiment 2 Ausfällung von Silber aus einer Lösung von Höllenstein (Silbernitrat) mittels Kupfer

Materialien

1- oder 2-Eurocent-Münze, 1 %ige Silbernitrat-Lösung in dest. Wasser, kleines Becherglas

Durchführung

Das (neue bzw. gereinigte) Cent-Stück wird mit der Silbernitrat-Lösung im Becherglas 1 bis 2 cm hoch übergossen.

Beobachtungen

Die Oberfläche des Geldstücks verfärbt sich langsam schwarz. Schüttelt man den Inhalt des Gefäßes, so lösen sich grau-weißliche Flocken vom Cent-Stück und schweben in der Lösung.

Erläuterungen

Silber ist auch »edler« als Kupfer, es hat ein höheres elektrochemisches Potential. Silberionen nehmen Elektronen auf, die vom Kupfer abgegeben werden. Kupfer geht bei dieser »Transmutation«, dem Übergang vom Festkörper in die Flüssigkeit, als Ion in Lösung.

Experiment 3 Ausfällung von Silber aus seiner Lösung mit Kochsalz

(vermutlich schon Agricola bekannt)

Materialien

Reagenzgläser, 1 %ige Silbernitrat-Lösung, 1 %ige Kochsalz-Lösung, Plastikpipette

Durchführung

Zu einigen Millilitern der Silbernitrat-Lösung in einem Reagenzglas tropft man Kochsalz-Lösung hinzu.

Beobachtungen

Es tritt ein flockiger weißer Niederschlag auf, der vor der Ausflockung zunächst als milchige Suspension erscheint. Unter Lichteinfluss verfärbt sich der Niederschlag immer dunkler.

Erläuterungen

Das schwerlösliche Silberchlorid ist durch den Überschuss an Silberionen zunächst positiv aufgeladen und bildet daher eine kolloidale Lösung. Liegen Silber- und Chlorid-Ionen in äquivalenten Mengen vor, flocken die nun ungeladenen Silberchlorid-Teilchen aus, sie ballen sich zu einem weißlich-gelben Niederschlag zusammen, der sich unter Lichteinfluss infolge der Entstehung von kolloidalem Silber immer dunkler verfärbt.

(Siehe auch Kap. 2, Experiment 18)

Schwefel und Sublimation

In der Chemiegeschichte muss unterschieden werden zwischen dem in der Natur elementar vorkommendem Schwefel, der bereits in frühgeschichtlicher Zeit bekannt war, und dem alchemistischen Prinzip Schwefel, dem Sulphur oder philosophischen Schwefel, der das Brennbare schlechthin repräsentierte. Schwefel wird sowohl in Keilschriften als auch im Alten Testament (z. B. bei Sodom und Gomorrha) erwähnt und in den Schriften des Aristoteles ausführlich als »göttlich« beschrieben. Darin wird schon auf die unterschiedlichen Farben beim Erhitzen hingewiesen. In der Antike wurden Schwefel und sein Verbrennungsprodukt Schwefeldioxid für religiöse Zwecke (Räucherungen), zur Desinfektion (z. B. von Weinfässern nach dem römischen Schriftsteller Plinius d. Ä.) und zum Bleichen von Textilien verwendet. Schwefel ist auch ein Bestandteil des Schwarzpulvers (s. Experiment 13).

Zu den Grundoperationen der Alchemisten, neben der Destillation, Filtration und Kristallisation, gehörte bereits im 13. Jahrhundert die Sublimation, der unmittelbare Stoffübergang aus dem festen Zustand in die Gasphase und wieder in den festen Zustand. Diese Stoffeigenschaft wird bereits im 13. Jahrhundert von dem Alchemisten und Franziskanermönch Raimundus Lullus (um 1235–1315, geboren auf Mallorca) beschrieben.

Abb. 7 a) Von dem Metallischen Schweffel; b) Vom quecksilber