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Inhalt

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Ebel, H. F., Bliefert, C.

Vortragen

in Naturwissenschaft, Technik und Medizin

2004

ISBN-13: 978-3-527-31225-0

ISBN-10: 3-527-31225-2

Ebel, H. F., Bliefert, C.

Diplom- und Doktorarbeit

Anleitungen für den natunvissenschaftlich-techmischen Nachwuchs

2003

ISBN-13: 978-3-527-30754-8

ISBN-10: 3-527-30754-0

Ebel, H. F., Bliefert, C., Kellersohn, A.

Erfolgreich Kommunizieren

Ein Leitfaden für lngenieure

2000

ISBN-13: 978-3-527-29603-3

ISBN-10: 3-527-29603-4

Bürkle, H.

Karriereführer für Chemiker

Beruflicher Erfolg durch Aktiv-Bewerbung und Management in eigener Sache

2003

ISBN-13: 978-3-527-50069-7

ISBN-10: 3-527-50069-3

Debus-Spangenberg, I.

Karriereführer für Biowissenschaftler

Beschäftigungsfelder – Arbeitgeberwunsche – Crashkurs Bewerben

2004

ISBN-13: 978-3-527-50086-4

ISBN-10:3-527-50086-3

title

Autoren

Dr. Hans Friedrich Ebel

Im Kantelacker 15

64646 Heppenheim



Prof. Dr. Claus Bliefert

Meisenstraße 60

48624 Schöppingen



Walter Greulich

WGV Verlagsdienstleistungen GmbH

Hauptstraße 47

69469 Weinheim

Vorwort

Schreiben und Publizieren sind noch näher aneinander gerückt. Schreiben als die Kunst, seine Gedanken verständlich und elegant in Worte zu fassen, ist nicht mehr zu trennen von der Kunst, diese Gedanken publik zu machen. Dazu muss man die modernen Mittel und Strategien des Kommunizierens und Publizierens kennen und sie sinnvoll einsetzen können. Wir haben in diesen beiden Arten von Kunstfertigkeit letztlich immer eine Einheit gesehen, gerade in der Sicht des Naturwissenschaftlers, der sich ja in seinen Publikationen und sonstigen Schriftstücken nicht nur in Worten mitteilt, sondern auch mit Bildern, Formeln und anderen Mitteln. Die elektronische Revolution, die besonders das Schreiben und Publizieren umgewälzt hat, wurde von Naturwissenschaftlern und Technikern angestoßen und vorangetrieben und hat deren Arbeitsplätze und das Geschehen daran grundsätzlich verändert. Täglich vollzieht sich an den Schreibtischen dieser Wegbereiter von Neuem eine digitale Evolution. Ein Begriff wie Personal Publishing, durch die Informationstechnologie unserer Tage erst denkbar geworden, belegt die Richtigkeit und Trägfähigkeit unseres umfassenden Ansatzes.

Um mit den Neuerungen Schritt halten zu können, die sich ebenso schnell wie nachhaltig vollziehen, haben wir unsere Autorschaft auf eine noch breitere Basis gestellt: Zu den beiden Altautoren (HFE, CB) ist ein Physiker (WG) gestoßen, der – mit allen Raffinessen des modernen Publikationswesens vertraut – die Schlagkraft unseres Teams erhöht. Zu dritt, so glauben wir, können wir unsere Kolleginnen und Kollegen noch detaillierter und aktueller über alles unterrichten, was für sie im Zusammenhang mit „Schreiben und Publizieren“ wichtig ist. Unser Buch ist dabei noch mehr zu einem Nachschlagewerk geworden; doch halten wir den Versuch für gerechtfertigt, die vielen Methoden und Lösungsansätze, die heute zur Verfügung stehen, an einer Stelle gebündelt darzustellen.

Die Lesbarkeit unseres Textes haben wir der Fülle der Informationen nicht geopfert. Wir waren immer und sind weiterhin bestrebt, die einzelnen Kapitel und Abschnitte so zu gestalten, dass sie auch einzeln „lesbar“ bleiben. Wer aber das Buch nicht so sehr zum Lesen – um Zusammenhänge zu erfahren – in die Hand nimmt, sondern um gezielt Auskunft über bestimmte Sachverhalte zu erlangen, wird in dem umfangreichen Register einen verlässlichen Wegweiser finden.

Gegenüber der 4. Auflage (1998) können wir noch mit einer Neuerung aufwarten, die in einem Rückgriff auf Bewährtes besteht: Das frühere Kapitel 10 „Die Sprache der Wissenschaft“ ist wieder da – in überarbeiteter und erweiterter Form! Nach der 3. Auflage (1994) hatte es dem Stoff weichen müssen, den wir eingebracht hatten, um alle die in Gang gekommenen Neuerungen angemessen darstellen zu können. Nun sind wir also in jener Richtung noch weiter gegangen und haben gleichzeitig altes Terrain zurückgewonnen. Dies hat der Verlag möglich gemacht – dahinter steckt das Vertrauen in diesen Titel und die gute Aufnahme, die er nun schon über so viele Jahre gefundenhat. Für dieses Vertrauen möchten wir uns auch im Namen künftiger Leser und Benutzer des Buches bedanken. Bei Wiley-VCH geht unser Dank in erster Linie an unseren Lektor, Dr. Frank WEINREICH, der uns wie schon bei unseren anderen Büchern wiederum sehr viel Verständnis entgegengebracht hat. Weiterhin sei Peter J. BIEL für die – wie immer – problemlose Herstellung dieses Buches gedankt.

Danken wollen wir noch in andere Richtungen. Unter den Lesern der 4. Auflage, die uns mit wertvollen Hinweisen unterstützt haben, sei Dr. Lutz WITTENMAYER vom Lehrstuhl für Physiologie und Ernährung der Pflanzen des Instituts für Bodenkunde und Pflanzenernährung an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) hervorgehoben. Er hat uns an seiner langen Erfahrung als Forscher und Hochschullehrer, Autor und Herausgeber teilhaben lassen und damit an mehreren Stellen zu Verbesserungen beigetragen. Für die Autoren eines Buches der Art, wie wir es hier vorlegen, sind der persönliche Kontakt und die Verbindung zur Grundlagenforschung wie auch zu praktischen Fragen – hier der Ernährung und Düngung von Kulturpflanzen – immer Gewinn und freudiges Erlebnis.

Auch gebührt unserem Freund William E. Russey herzlicher Dank: Einige Gedanken in dieser Neuauflage von „Schreiben und Publizieren“ stehen schon in dem englischsprachigen Pendant The art of scientific writing (EBEL, BLIEFERT und RUSSEY; 2. Aufl., 2004) und finden sich im vorliegenden Manuskript an vielen Stellen wieder.

Weiterhin danken wir sehr herzlich für zahlreiche Hinweise und Hilfeleistungen Dipl.-lng. Florian BLIEFERT, Saarbrücken, Dipl.-Chem Dipl.-Ing. Frank ERDT, Steinfurt, Prof. Dr. Volkmar JORDAN, Steinfurt, und Prof. Dr. Eduard KRAHÉ, Metelen.

Heppenheim

Schöppingen und

Weinhe

HFE
CB
WG

I

Ziele und Formen des wissenschaftlichen Schreibens

1

Berichte

1.1 Kommunikation in den Naturwissenschaften

1.1.1 Schreiben und andere Formen der Kommunikation

Die Betrachtungen in diesem Buch gehen von einem Gedanken aus, den wir als Leitsatz voranstellen wollen:

Wissenschaftliche Ergebnisse wollen und sollen mit anderen geteilt werden, ins Einzelne gehend und so rasch wie möglich. Sich dem zu entziehen hieße, das Unterfangen Forschung der Vergeblichkeit preiszugeben, es zum Scheitern zu verurteilen. In der Mitteilung, kann man deshalb sagen, liegt der eigentliche Sinn der wissenschaftlichen Arbeit. Ohne den ständigen Austausch und die Weitergabe von Information gibt es auf Dauer keine Wissenschaft.

Hierin sehen wir einen ausgezeichneten Ansatzpunkt für die Behandlung des Themas „der Wissenschaftler als Schreiber“ (wie wir unser Buch auch hätten nennen können).

Jede naturwissenschaftliche Erkenntnis beruht auf den Erkenntnissen anderer, ist ein Schritt weiter auf einer langen Reise. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus dem Laboratorium dieser Gruppe oder vom Schreibtisch jenes Theoretikers regen die Untersuchungen eines anderen Forschers oder Arbeitskreises an, die zu neuen Ergebnissen und Folgerungen führen werden. So fügt sich das zusammen, was wir den „Fortschritt in den Naturwissenschaften“ nennen können. Damit das Spiel so läuft, müssen die Ergebnisse mitgeteilt – kommuniziert – werden und zugänglich sein für andere Forschungsgruppen, deren Errungenschaften gerade dadurch maßgeblich beeinflusst werden können.

Welche Form nimmt die Mitteilung an? Im Wort Kommunikation (lat. communicare, etw. mit jmdm. gemeinsam haben, teilen) klingt Unterschiedliches an. Für den Linguisten bedeutet Kommunikation den direkten Austausch, die Interaktion zwischen zwei oder mehr Personen oder Gruppen, die sich etwas zu sagen haben, mündlich oder schriftlich. In der Informationstechnologie (IT) versteht man darunter auch den Fall, dass Personen oder Institutionen wechselseitig Zugang zu einem gemeinsamen Pool an Information – z. B. einer Datenbank – haben, den sie nutzen, indirekt gleichsam, ohne sich gegenseitig zu sehen oder zu kennen. Zwischen den Grenzen direkter und indirekter Kommunikation gibt es viele Übergänge.

Auch der Briefwechsel – heutzutage nicht mehr nur der klassische auf Papier, sondern auch der elektronische per E-Mail – kann als direkter Austausch gelten. Hingegen muss man den Begriffsumfang Kommunikation erweitern, wenn man (Fach)Texte einschließen will, die sich an einen anonymen Adressatenkreis wenden und bei denen keine unmittelbare Interaktion möglich ist. In diesem erweiterten Sinn, der in der Bezeichnung (engl.) „communication“ für eine bestimmte Publikationsform Ausdruck findet, benutzen wir den Begriff in diesem Buch.

Damit Zeichen übermittelt werden können, müssen sie zunächst in eine Form gebracht, müssen sie formuliert (und ggf. formatiert) werden. Dazu dienen in der Wissenschaft neben der allgemeinen Sprache die Elemente der jeweiligen Fachsprache. Zur Vermittlung des Formulierten sind Vermittlungsinstanzen nötig. Diese Aufgabe kann von den menschlichen Sinnesorganen übernommen werden, es können aber auch technische Aufnahme-, Übertragungs- und Wiedergabeeinrichtungen zum Einsatz kommen, wobei unter „technisch“ alles gemeint ist, was der Mensch zur Kommunikation künstlich erschaffen hat – angefangen bei dem behauenen Stein oder dem Papier, auf dem Information festgehalten werden kann. Für das Thema unseres Buches wichtig ist die Unterscheidung in individuelle und organisierte Vermittlung von Information.

Als individuell kann jede Form von Kommunikation angesehen werden, bei der zwar gewisse Benimmregeln eingehalten werden sollten, die aber weitgehend von den Beteiligten selbst gestaltet werden kann. Dazu zählen Gespräche, Diskussionen, der Austausch per Brief oder E-Mail, das Telefonieren, das Vortragen oder das Abfassen eines Berichts. Organisierte Vermittlungseinrichtungen sind die Printmedien (Buch, Zeitungen, Zeitschrift), Datenbanken von großen Organisationen und – natürlich und vor allem – Hörfunk, Fernsehen und die Filmindustrie.

Um zur Veröffentlichung der eigenen Arbeit in einer bestimmten Zeitschrift zu gelangen, gilt es nicht nur, bestimmten inhaltlichen Kriterien zu genügen; vielmehr muss der Beitrag darüber hinaus nach gewissen Richtlinien aufgebaut und formal gestaltet sein. Gleiches trifft auf die Mitteilung wissenschaftlicher Information über das Medium Buch zu.

Der Übergang von individuell gestalteter zu organisierter Kommunikation ist fließend. Der Laborbericht beispielsweise ist zwar weitgehend vom einzelnen Wissenschaftler nach seinen persönlichen Vorstellungen anlegbar; um jedoch mitteilbar zu werden, müssen die darin festgehaltenen Ergebnisse in eine mehr oder weniger standardisierte Form gegossen werden, die von vielen anderen Personen akzeptiert und verstanden wird. Heute legen viele Institute oder Forschungseinrichtungen großen Wert darauf, dass Berichte von vornherein vielen Mitarbeitern zugänglich sind – das heißt, die Organisation der Kommunikation beginnt oft bereits beim Planen eines Experiments, spätestens aber beim Festhalten der Ergebnisse.

Beide Wege – der individuelle und der organisierte – befinden sich in einer stürmischen Entwicklung, wobei keineswegs die Rede davon sein kann, der eine Weg würde dem anderen den Rang ablaufen, ihn gar entbehrlich machen. Zunächst einmal:

Wissenschaftler tauschen sich mehr oder weniger formlos per E-Mail über ihre Forschungsergebnisse aus, stellen sie vielleicht auf so genannte Preprint-Server (in der Physik üblich) oder auf ihre eigene Website, und das tun sie, ohne allzu viele formale Kriterien zu beachten. Diese Entwicklung ist wünschenswert und wird fortschreiten. Auf der anderen Seite kommen immer mehr Content-Management-Systeme (auf die wir später noch ausführlicher eingehen) zum Einsatz, die – was die äußere Form angeht – kaum noch Freiheiten zur individuellen Gestaltung lassen, dafür aber fast automatisch dafür sorgen, dass die hier niedergelegte Information allen formalen Kriterien einer Veröffentlichung innerhalb des Unternehmens oder der Organisation entspricht.

Um noch einmal auf jene andere Dichotomie – direkt/indirekt – zu sprechen zu kommen: Ein Vortrag, bei dem ein Redner mehr zu den Stuhlreihen spräche als zu seinen Hörern, so, als sei außer ihm gar niemand zugegen, wäre nicht sonderlich direkt. Umgekehrt kann gewiss das Schreiben Züge einer direkten Kommunikation zwischen Menschen annehmen, etwa in der Briefkorrespondenz. Der Verfasser eines Artikels für eine Fachzeitschrift oder die Autorin eines Lehrbuchs tritt zwar nur selten in unmittelbare Beziehung zu Lesern „irgendwo draußen“, doch selbst hier existieren unsichtbare, über die Anonymität hinausreichende Bindungen zwischen Schreiber und Leser, zwischen Sender und Empfänger der Botschaft – sie sollten jedenfalls existieren und zu spüren sein. Auf diese Zusammenhänge wollen wir im Folgenden immer wieder abheben, denn in ihnen liegt der Schlüssel zum Erfolg jeglicher Kommunikation. Und erfolgreich soll die Kommunikation ja sein: Beim einen soll „ankommen“, was ihm der andere mitteilen will.

Schon immer ist das gesprochene Wort – in der mündlichen (oralen) Kommunikation, z. B. als Zuruf, Gespräch, Debatte, Rede – ein wesentliches Mittel der Verständigung zwischen Menschen gewesen. Auch Naturwissenschaftler reden miteinander: Im Hörsaal, im Labor, auf den Korridoren der Tagungen, in der Kantine oder am Telefon teilen sie sich mit, tauschen sich aus. Schon die ersten Akademiker, die Philosophen des alten Hellas, erdachten sich ihre Welt – die Welt – am liebsten im Gespräch, das jeweils Gemeinte durch den Austausch von Argumenten einkreisend. Selbst ihren geschriebenen Traktaten verliehen sie oft, wie Platon und Aristoteles, die Gesprächsform (Dialog, Diskurs). Indessen:

Es reicht – auch im Zeitalter der Telekommunikation – nicht weit genug, um zu den vielen zu gelangen, die heute weltweit im Dienste der Naturwissenschaften stehen. Deshalb müssen das geschriebene Wort und die schriftliche, immer wieder und grundsätzlich an jedem Ort verfügbare Aufzeichnung von Fakten, Zahlen und Bildern die gesprochene Sprache, also die von der Stimme transportierte Information, ergänzen. Wir nutzen dann unser Sehvermögen, um zuvor schriftlich oder grafisch niedergelegte Information aufzunehmen. Neben die auditive (lat. audire, hören), vom Ohr vermittelte Kommunikation tritt so verstärkt die visuelle (lat. videre, sehen), wiederum in verschiedenen Ausprägungen, die nahezu beliebigen Ansprüchen an Komplexität und Präzision genügen können.

In Verbindung mit anderen – nicht-linguistischen –, für das Auge entschlüsselbaren Zeichen (Formeln) und Grafiken eignet sich die Schrift in idealer Weise dazu, komplexe naturwissenschaftlich-technische Sachverhalte auszudrücken und zu fixieren, auch solche, die sich mit Worten allein nicht wiedergeben lassen.

Geschriebene Texte stoßen grundsätzlich an keine Kapazitätsgrenzen. Sie mögen der Spontaneität und hinreißenden Wirkung eher entbehren als gesprochene; dafür ist ihnen Eintönigkeit (Monotonie im Wortsinn) wesensfremd; sie tönen, außer im Hörbuch, gar nicht.

Dieser Kommunikationsprozess ist so wichtig, dass heute ein Naturwissenschaftler in der Regel mehr Arbeitszeit mit Schreiben verbringt als mit irgend etwas anderem. Unser Buch richtet sich nicht nur an Kolleginnen und Kollegen, die sich den „reinen“ Naturwissenschaften zugehörig fühlen, sondern gleichermaßen an die Absolventen, Dozenten und Studierenden der zahlreichen technisch orientierten Fächer in der Tradition der Technischen Hochschulen und Fachhochschulen (ehem. Ingenieurschulen), wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Bauingenieurwesen. Auch wenn wir im vorliegenden Text Techniker und Ingenieure nicht immer besonders ansprechen: Die meisten Ausführungen dieses Buches sind nicht minder für sie bestimmt als für Naturwissenschaftler. Wo wären denn auch die Grenzen? Das nahe Beieinander von Grundlagen und Anwendungen in verschiedenen Fächern – wie es etwa in der Wortverbindung „Forschung und Entwicklung“ (F+E, engl. Research and Development, R&D) zum Ausdruck kommt – und die Durchgängigkeit des Forschungs- und Bildungsangebots sind es ja gerade, die uns alle voranbringen. Diesem Gleichklang sieht sich unser Buch verpflichtet. Dass wir daneben immer unsere Kolleginnen einbegreifen, wenn wir Kollegen sagen, und umgekehrt – das versteht sich von selbst. Mit sperrigen Genusformen der deutschen Sprache oder Schreibweisen wie „der Ingenieur/die Ingenieurin“ oder gar „IngenieurIn“ wollen wir das freilich, umweltschonend, nicht zum Ausdruck bringen.

1.1.2 Neues kommunikatives Verhalten

Das Sinnen der Menschen ist heute weiter in die Ferne gerichtet (gr. tele, weit, fern) als je zuvor, und es wird mehr und mehr audiovisuell. „Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung…“, so sah es Erich KÄSTNER schon in den 1930er Jahren. Konnte er ahnen, was sich seitdem ereignet hat?

Dabei hat vor allem das Schreiben in den letzten Jahren einen Wandel erfahren und eine neue Qualität angenommen. Konnte man bislang in erster Linie Bleistift und Federhalter oder Kugelschreiber, Schreibmaschine, Notizblock, Manuskriptpapier und Druckbögen damit in Verbindung bringen, so wird dieses Bild zunehmend von einem anderen verdrängt: einem Computer-Arbeitsplatz mit einem oder mehreren Rechnern (Computern), Bildschirmen, Tastaturen und Druckern. Von einem solchen Arbeitsplatz aus kann der Naturwissenschaftler zum einen Botschaften aller Art in geschriebener Form (z. B. Berichte oder Veröffentlichungen) in einer – technischen – Qualität auf Papier ausgeben, die noch vor wenigen Jahren für home und office unvorstellbar war. Zum anderen lassen sich mit Hilfe des Computers Botschaften in elektronischer Form über das Internet in Sekundenschnelle in die ganze Welt versenden. Die Änderungen, die die Informations- und Kommunikationstechnologie und das kommunikative Verhalten in den letzten – sagen wir – fünfzehn bis zwanzig Jahren erfahren haben und von denen längst nicht mehr Naturwissenschaftler allein profitieren, dürfen wir getrost als umwälzend bezeichnen. Dass Computer überhaupt einmal in das Alltagsleben einziehen würden, und wie gründlich das geschehen sollte, war noch 1980 kaum abzusehen. Die Umwälzung reicht inzwischen weit über das hinaus, was selbst die Pioniere der neuen Techniken sich vorstellen konnten. Ja, eine „Revolution am Schreibtisch“ hat stattgefunden. Die Jüngeren unter uns sind dessen kaum mehr gewahr, ein Grund, weshalb wir darauf abheben.

Aber Naturwissenschaftler und Techniker können für sich in Anspruch nehmen, dass sie die Vorreiter der Entwicklung waren. Nicht nur, dass die ganze Computertechnologie ohne grundlegende neue Erkenntnisse und Erfindungen in Physik und Chemie gar nicht zustande gekommen wäre – mehr noch: Naturwissenschaftler waren die ersten Pioniere und Anwender der neuen Technik, Propagandisten des neuen Kults. Das World Wide Web (WWW) im Internet, heute ein sebstverständlicher Teil unserer vibrierenden Gesellschaft, ist in den Laboratorien der Hochenergiephysiker am CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) in Genf entwickelt und 1989 erstmals getestet worden.

Das heute so vertraut klingende, schon fast wieder aus dem Bewusstsein entschwindende DTP, Desktop Publishing („Publizieren vom Schreibtisch“), ist eine der Formeln für die Neuerungen, die inzwischen gegriffen haben. Ziel der Tätigkeiten, die sich unter diesem Kürzel zusammenfassen lassen, ist oder war zunächst. Texte und andere Informationen auf Papier hervorzubringen, nur eben mit elektronischer Unterstützung, d. h. mit Hilfe von Neuerungen in Hardware und Software. Dass sich hier eine Umgehung anbahnte von Einrichtungen und Dienstleistungen, die bis dahin eigenen Berufsständen vorbehalten waren, zeichnete sich bald ab, doch war die Entwicklung nicht aufzuhalten. Inzwischen ist diese noch einen Schritt weiter gegangen. Der Ausdruck Elektronisches Publizieren kam auf, dem sich ein weiterer anschließen sollte: Personal Publishing.

Eigentlich gibt es den Schreibtisch des Naturwissenschaftlers gar nicht mehr. Aus ihm ist ein Kommunikationsplatz geworden. Der Computer – man kann ihn auch zum Rechnen benutzen! – ist mit anderen Computern am Institut oder der Hochschule oder der Firma zu einem Netzwerk (Local Area Network, LAN) zusammengeschlossen. Der Benutzer und sein Arbeitskreis (das Institut, die Firma) haben eine E-Mail-Adresse (E-Mail, elektronische Post) und sind mit dem Internet verbunden. Dort, am Computer oder auf einer eigenen Homepage, empfängt der Naturwissenschaftler seine Post, dorthin gibt er die eigenen Nachrichten.

Einen Postboten braucht man nicht, um elektronische Post zuzustellen, auch nicht, um eine wissenschaftliche Mitteilung fast beliebiger Komplexität in Text und Bild als Anlage (engl. attachment) zu einer E-Mail per Telefonleitung zum nächsten Knoten (Server) im Netz zu versenden, sei es, um bestimmte Adressaten gezielt zu erreichen, oder um das Kommunikationsprodukt im Internet allgemein zugänglich zu machen. Dass man einmal das Manuskript für die nächste Publikation, mitsamt Bildern, an die Redaktion der Zeitschrift „telefonieren“ würde, das war in der Tat noch vor ein paar Jahren kaum abzusehen. Mehr noch: Verschiedene Formen des Schreibens und Lesens sind an einem Ort zusammengerückt – auf einem Bildschirm mit vielleicht 17 Zoll in der Diagonale. Ein merkwürdiger Vorgang! Das bedingt ein neues kommunikatives Verhalten, das mit der Schreib- und Lesekultur des 19., ja noch des 20. Jahrhunderts nicht mehr viel gemein hat.

Schreiben bedeutet ursprünglich Sich-Mitteilen mit Hilfe vereinbarter Zeichen. Auch das Eintippen eines Textes in den Computer ist Schreiben, unabhängig davon, auf welchem Weg die Nachricht an ihr Ziel gelangen und wem die Botschaft anvertraut werden soll: Am Zielort lässt sie sich, falls gewünscht, auf Papier abrufen, d. h. ausdrukken und in gewohnter Weise lesen. Manche Nachrichten lesen wir nur am Bildschirm – oder überhaupt nicht – und freuen uns, dass auf dem „Schreibtisch“ (engl. desktop) des Bildschirms ein Papierkorb steht, in dem man nicht (mehr) Benötigtes digital entsorgen kann.

Dieser Übersetzungsvorgang ist ein unverzichtbarer, wenngleich in seiner Bedeutung oft unterschätzter Schritt. Nur wer ihn richtig geht, hat Gewähr, dass die von ihm gesendete Nachricht beim Empfänger empfangen werden kann – überhaupt und richtig im Detail. Moderne Computer bieten dem Benutzer für den heimischen Gebrauch eine große Zahl von Schriftsätzen an, aber nur einige davon sind Standards im internationalen Nachrichtenverkehr geworden, z. B. Times, Verdana, Arial und Courier. Wer sich als Sender über diese Einschränkungen großzügig hinwegsetzt und seine Nachricht oder auch nur Teile davon in Zeichen aus exotischen Schriftsätzen vermittelt, muss damit rechnen, dass der Empfänger die Nachricht gar nicht oder nur mit Qualitätsverlusten lesen kann.

Es gibt weiterhin allen Grund, die Kunst des Schreibens von Texten und Fachtexten zu lernen und zu üben, ja, in der gewandelten Szene werden die Gründe noch zwingender! Sollten in Zukunft immer mehr Wissenschaftler und andere Kommunikatoren ihre eigenen „Verleger“ werden, dann werden sie vermehrt für die Lesbarkeit und Verständlichkeit ihrer Texte Verantwortung übernehmen und auf die korrekte Ausführung mancher Details – auch ästhetischer, z. B. die Seitengestaltung (das Layout) betreffender Natur – achten müssen, Details, denen zuvor die Aufmerksamkeit einer Redaktion galt (oder eines Verlagsdesigners; KOPKA 1996 an vielen Stellen, GULBINS und KAHRMANN 2000, FORSSMAN und DE JONG 2004). Wir werden auf diesen Gegenstand wiederholt zurückkommen (s. besonders Abschn. 3.1.2 „Elektronisches Publizieren“).

Mag sich die Technik der Kommunikation in den letzten Jahren noch so drastisch verändert haben, die grundlegenden Ziele und Handwerke sind in ihrem Wesen doch – auch wenn sich Zuständigkeiten verschoben haben – dieselben geblieben: von der Erfüllung eines hohen sprachlichen Anspruchs bis hin zur Forderung, dass alles Mitgeteilte leicht aufzunehmen, zu dokumentieren und archivieren sein müsse.

Wie das im Einzelnen zu erreichen ist, war schon viele Abhandlungen, Anleitungen, ja Handbücher wert. Sehr gut hat neuerdings Peter RECHENBERG (2003) die Ziele mit „Klarheit, Kürze, Klang“ umschrieben und dargelegt, wie man ihnen nahe kommen kann (vgl. „Stil: Ein Paradigma“ in Abschn. 10.1.1). Seminare darüber werden angeboten, an manchen Hochschulen ganze Vorlesungen. Wer es beruflich „zu etwas bringen will“, kommt an solchen Angeboten kaum vorbei. Die Fähigkeit, sich auszudrükken, seine Gedanken vorzubringen, war noch nie so stark gefragt wie heute in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Selbstdarstellung alles ist – fast alles, jedenfalls. Dass die Kommunikatoren von heute gute Verleger ihrer Beiträge ab Schreibtisch sein müssen, um Erfolg zu haben, ist Teil davon.

Dem sei ein Satz aus dem Verhaltenscodex der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) angefügt:

Die geschriebene Aufzeichnung wissenschaftlicher Sachverhalte hat über das Mitteilen hinaus Bedeutung: Das Mitgeteilte wird von anderen Wissenschaftlern nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch kritisch bewertet. Davon soll im nächsten Abschnitt die Rede sein.

1.1.3 Eine Frage der Qualität

Im wissenschaftlichen Verlagswesen und in der scientific community haben sich Mechanismen entwickelt (vgl. Kapitel 3 und 4), die über die Qualitätskontrolle hinausreichen und einem durchgängigen Wertemanagement der Wissenschafts- und Technik-Kommunikation gleichkommen. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Redakteure, Lektoren und Gutachter. Nicht zuletzt aber stellt eine fachkundige und kritische Leserschaft selbst hohe Ansprüche an die Qualität des Mitgeteilten. Manchmal kommt die Kritik an einer Veröffentlichung in Form einer weiteren Publikation von anderer Seite daher, insofern waren schon vor hundertfünfzig Jahren viele Seiten etwa der Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft ein Leserforum, das entsprechenden Seiten in einer Wochenzeitschrift von heute an Aktualität und oft auch Vehemenz nicht nachstand.

Schon manch ein Redner, vor allem im politischen Raum, ist über eine unglückliche Formulierung in einer seiner Reden gestrauchelt. Doch liegt es in der Natur der Sache:

In der Frühzeit des modernen wissenschaftlichen Publikationswesens etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Auseinandersetzungen um die Wahrheit (oder Richtigkeit) in den Fachzeitschriften recht hemdsärmelig ausgetragen, und im Nachhinein kann man über die Blüten dieser Literaturgattung schmunzeln. Für die beteiligten Forscher waren die Auseinandersetzungen damals unter Umständen existenziell. Die Frage kann mit Sorge erfüllen, was aus diesem Wertemanagement wird, sollten Methoden des privaten Publizierens tatsächlich um sich greifen. Streiten sich die Gelehrten dann auf virtuellen Foren? Oder kann sich – gefährlicher noch – die Kritik gar nicht mehr formieren, weil die Kritikpunkte nicht mehr sichtbar werden?

Es gehört zu den wesentlichen Merkmalen der modernen Naturwissenschaften, dass ihre Ergebnisse nachvollziehbar sein müssen. In diesem Sinne sucht die Mitteilung die Öffentlichkeit:

So trivial diese Aussagen sein mögen, so wenig scheinen sie verstanden zu werden. Wie sonst könnte es sein, dass an unseren Hochschulen immer noch zu selten in die Kunst des wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens eingeführt wird? Wie kann man es verantworten, den akademischen Nachwuchs in dieser Sache über weite Strekken allein zu lassen? Vielleicht spielt eine Neigung mancher senior scientists herein, die Forschung selbst, das genial angelegte Experiment, für eine Leistung zu halten, nicht aber die Weitergabe von Forschungsergebnissen. (Die mag ihnen selbst immer leicht von der Hand gegangen sein, der Rede nicht wert, doch dann sind sie Glückspilze und verallgemeinern unzulässig.) Wahrscheinlich schwingt auch Skepsis mit, den Vorgang des wissenschaftlichen Kommunizierens überhaupt lehren oder vermitteln zu können, und so geht der Kommunikationsprozess nach wie vor mit der Vergeudung von viel Zeit und Kraft – und Geld – und mancher vermeidbaren Schlappe einher.

„Sprachempfinden mag tatsächlich nur beschränkt lehrbar sein. Man bildet den guten Stilisten nicht aus, eher kommt einer mit Stilgefühl zur Welt“, hatten wir früher in diesem Zusammenhang eingeräumt. Dafür sind wir kritisiert worden, diese Sätze seien zu pessimistisch. Wohl möglich, um Sprache geht es aber nicht nur. (Dass wir uns diesem Gegenstand erst in unserem letzten Kapitel, Kap. 10 „Die Sprache der Wissenschaft“, zuwenden, bedeutet nicht, dass wir ihm den letzten Rang einräumten. Im Gegenteil: Wir haben uns das schwierigste und wohl auch das schönste und unterhaltsamste Thema für den Schluss aufbewahrt!)

Viel Weiteres jenseits aller Stilkunde muss dazu kommen, bevor man beispielsweise einen Fachartikel zuwege bringt, der publikabel ist, dem Aufmerksamkeit und Anerkennung gewiss sind! Und da lässt die Erfahrung aller ernsthaft Bemühten keinen Zweifel:

Das Schreiben in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern – auch und gerade mit dem Ziel der Publikation vor Augen – hat sehr viel mit dem Verstehen gewisser Zusammenhänge, mit Form und Technik zu tun hat, und hier kann man helfen. Genau das haben wir uns zunächst einmal vorgenommen. Wären wir vom Nutzen solcher Hilfe nicht überzeugt, hätten wir dieses Buch nicht geschrieben.

In jüngster Zeit scheint ein Umdenken einzusetzen. Vor allem Fachhochschulen haben die Notwendigkeit erkannt, fachübergreifend Lehrveranstaltungen über das Schreiben in Naturwissenschaft und Technik anzubieten; und sie haben dies zum Teil in ihren Studienordnungen verankert (manchmal versteckt hinter Namen wie „Einführung in das Praxissemester“, wo es darüber hinaus noch um Gegenstände wie die mündliche Präsentation von Ergebnissen und die Technik des Bewerbens geht). Handwerk und Kunst der fachlichen Kommunikation – Schreiben und Publizieren, Anfertigen von Prüfungsarbeiten, Vortragen – stehen auf Platz 1 des studentischen Interesses.

Forschen heißt immer Betreten von Neuland. Niemand weiß, wohin die Reise führt. Aber es kommt darauf an, mit der richtigen Vorbereitung, Ausstattung und Logistik auf Expedition zu gehen und nicht mit Hausschuhen unwegsames Gelände zu betreten. Das gilt gleichermaßen für das Berichten über die Ergebnisse der Forschung.

1.2 Zweck und Form des Berichts

Typische Berichte, wie sie im Leben der Naturwissenschaftler eine Rolle spielen, sind etwa Laborberichte, Zwischenberichte und Abschlussberichte über eine laufende Arbeit, Projektbeschreibungen, Anträge für die Bewilligung von Mitteln für ein Forschungsvorhaben, Firmenschriften, Produktbeschreibungen. Berichte – wissenschaftlich-technische Texte – können sich erheblich in ihrer Form und Länge unterscheiden (ANSI Z39.16-1979; BS-4811: 1972; DIN 1422-4, 1986). Wenn Sie wollen, können Sie auch eine Patentschrift, eine Dissertation, eine Bachelor-, Diplom- oder Masterarbeit oder eine Monografie einen „Bericht“ nennen. In einem internen Protokoll einer großen Forschungseinrichtung lasen wir den eindrucksvollen Satz:

Wir kommen auf die ambitiösen Formen wissenschaftlichen Schreibens später zurück und wollen uns zunächst den unscheinbaren, kleinen – und doch so wichtigen – Berichten zuwenden, die zum Tagesgeschäft gehören und nicht notwendigerweise am Schreibtisch entstehen, sondern vielleicht auf der Laborbank, neben dem Messinstrument oder am Computer. Diese kurzen Aufzeichnungen sind keine Veröffentlichungen im Sinne des vorigen Abschnitts, aber vielleicht werden sie in naher Zukunft zu einer Veröffentlichung führen. Es soll also im Augenblick nicht interessieren, ob ein Bericht als solcher zur Veröffentlichung ansteht oder nicht. Einige wesentliche Merkmale von Berichten sind davon unabhängig.

Als Bericht lassen wir jedes Dokument gelten, das einen bestimmten wissenschaftlich-technischen Sachverhalt – z. B. das Ergebnis einer Untersuchung – systematisch aufzeichnet.

Aus dem Bericht muss die Bedeutung der mitgeteilten Tatsachen ebenso hervorgehen wie der Aufwand, der vonnöten war, um die Ergebnisse zu erzielen.

Die Darstellung soll knapp sein und nicht den Eindruck erwecken, dass Weniges mit vielen Worten „verkauft“ werden soll. Andererseits kann eine zu stark verkürzte Form den Zweck verfehlen, Aufwand, Umfang und Bedeutung einer Untersuchung klar erkennen zu lassen.

Der Empfänger des Berichts (Rezipient) kann der Leiter des Forschungsprojekts oder eine anonyme Bewilligungsstelle sein. Je nachdem werden Sie als Verfasser auf experimentelle Einzelheiten oder auf Schlussfolgerungen mehr oder weniger Wert legen. Hier müssen Sie geschickt abwägen, und der halbe Erfolg besteht schon darin, das Informationsbedürfnis des Empfängers richtig einzuschätzen.

Zur Form sei hier das äußere Erscheinungsbild ebenso gezählt wie die Sprache des Berichts. Die Form ist fast genauso wichtig wie der Inhalt – welcher Gutachter könnte oder wollte sich davon freimachen? Der Bericht „vertritt“ den Verfasser (den Kommunikator), hoffen wir, dass er – der Bericht ebenso wie der Verfasser, sofern er persönlich in Erscheinung tritt – in angemessener Aufmachung daherkommt! Strenge Maßstäbe an die Form eines Berichts zu legen, wie das in vielen Autorenrichtlinien geschieht, hat eine Berechtigung: Unklare oder nicht zum Ziel kommende Formulierungen legen den Verdacht nahe, dass die berichteten Untersuchungen selbst oberflächlich oder unordentlich durchgeführt worden sind.

Jeder naturwissenschaftliche Fortschritt beruht auf bereits mitgeteilten – fremden oder eigenen – Ergebnissen. Dem sollte schon der kürzeste Bericht Rechnung tragen, indem er die „Stellen“ (Dokumente) nennt, auf die sich die Arbeit oder bestimmte Einzelheiten darin beziehen. Dies führt auf Fragen des Umgangs mit der naturwissenschaftlichtechnischen Literatur und des korrekten Zitierens von Literaturstellen (s. dazu die Abschnitte 2.2.11 und 9.3 sowie Anhang A).

Der Bericht kann mit einem Ausblick auf fernere Untersuchungen schließen. Dies gilt vor allem für Berichte, die im Zusammenhang mit Bewilligungsanträgen stehen. Aber selbst die kurze Aufzeichnung eines – vielleicht missglückten – Experiments kann in einen Hinweis münden, welche Versuchsbedingungen für eine nächste Untersuchung geändert werden sollen. – Und schließlich:

Unentbehrlich ist das Datum, an dem ein Bericht verfasst oder eingereicht wurde. Im Laborbuch (s. nächster Abschnitt) tritt an seine Stelle das Datum des Tages, an dem das beschriebene Experiment durchgeführt oder begonnen wurde. Des Weiteren ist es bei den Berichten, die Sie aus der Hand geben, erforderlich, dass Sie sich als Verfasser (oder einen der Verfasser) zu erkennen geben und die Institution, die Abteilung oder die Firma nennen, in der der Bericht entstanden ist.

Offizielle Berichte tragen darüber hinaus ein Kennzeichnungsmerkmal, z. B. eine von Ihnen oder Ihrem Institut vergebene Nummer (Berichtsnummer) oder die Projektnummer einer Behörde gemäß Bewilligungsbescheid. Eine übersichtliche, auch für den deutschen Wissenschaftler nützliche Beschreibung der Anforderungen an offizielle Forschungsberichte aus erster Hand bietet die englische Norm BS-4811: 1972; dort finden sich selbst Hinweise auf die Art, wie Geheimhaltungsvermerke anzubringen sind.

Die – oft als lästig empfundene – Pflicht, ein Segment der zurückliegenden Arbeit exakt zu beschreiben, trägt zur Klärung bei und verbessert die Planung für die nachfolgende Arbeit. Auch sichert die Existenz des Berichts den gewonnenen Besitzstand Ihres Wissens. Einen Bericht nicht zur rechten Zeit geschrieben zu haben ist fast so schlimm wie das versehentliche Löschen einer Datei im Computer.

So wie Sie beim Computern immer rechtzeitig abspeichern und Sicherheitskopien ziehen, sollten Sie von wichtigen Berichten auf Papier wenigstens zwei Exemplare anfertigen und an getrennten Orten aufbewahren. Nur so ist sicher gestellt, dass Ihre Arbeit von Wochen im Labor am Schreibtisch nicht wieder verloren gehen kann. Wir wissen von Jüngern der Chemie, die am Abend eines Labortages ihre Digitalkamera auf die betreffenden Seiten ihres „Journals“ richten, um die Aufzeichnungen dort an anderem Ort als Bild zu speichern.

An einer etwas versteckten Stelle, nämlich als Bände 21 und 27 in der Reihe Duden-Taschenbücher („Praxisnahe Helfer zu vielen Themen“), sind zwei Bücher erschienen, auf die wir unsere Leser besonders hinweisen wollen: Wie verfaßt man wissenschaftliche Arbeiten? Ein Leitfaden vom ersten Studiensemester bis zur Promotion (POENICKE 1988) und Schriftliche Arbeiten im technisch-naturwissenschaftlichen Studium: Ein Leitfaden zur effektiven Erstellung und zum Einsatz moderner Arbeitsmethoden (FRIEDRICH 1997), von denen hier vor allem der zweite, im Fachbereich Maschinenbau der Technischen Hochschule Darmstadt entstandene Titel interessieren dürfte.

1.3 Das Laborbuch

1.3.1 Bedeutung

Das Laborbuch ist ein Tagebuch des experimentierenden Naturwissenschaftlers (Labortagebuch) – vielleicht nicht sein einziges, aber sein wichtigstes. Im Gegensatz zu anderen Tagebüchern kann dieses in der Regel nicht als persönliches Eigentum betrachtet werden, das man beliebig vor fremdem Einblick schützt. Im Gegenteil: Die wissenschaftliche Arbeit, über die darin berichtet wird, ist von jemandem bezahlt worden, und der hat auch das Recht, das Laborbuch einzusehen.

Beim Leiter oder der Leiterin eines akademischen Arbeitskreises kommt zum monetären Anspruch noch der geistige, der sich aus dem Benennen des Forschungsthemas und dem Anleiten und Beraten des jüngeren Kollegen ableitet. Firmen und Institutionen betrachten die Laborbücher ihrer angestellten Wissenschaftler wohl stets als ihr Eigentum, nicht als das der Angestellten. Dass freilich ein Laborbuch nicht für jedermanns Einblick gedacht ist, versteht sich gerade im industriellen Umfeld von selbst.

Im Laborbuch notiert der sorgfältige Naturwissenschaftler – der immer ein guter Beobachter ist – auch flüchtige Erscheinungen, die im Augenblick nicht bedeutsam sein mögen, sich aber später als der eigentliche Erkenntnisgewinn eines Experiments erweisen können. In dem Sinne protokollieren Sie bei „Wiederholungen“ die jeweiligen genauen Versuchsbedingungen oder Abweichungen in der Versuchsführung gegenüber einem früheren ähnlichen Experiment. Selbst momentane Überlegungen und Deutungsversuche, die später wieder von Interesse sein mögen, können Sie notieren. Vieles davon findet sich in den Berichten und Veröffentlichungen, die aus Laborbüchern hervorgehen, nicht mehr wieder (vgl. Abschn. 1.4). Laborbücher haben daher dokumentarischen Wert, und sie wurden auch schon zu gerichtlichen Auseinandersetzungen herangezogen.

Johannes Mario SIMMEL verriet einmal in einem Interview eines der Erfolgsrezepte seiner Romane: Genauigkeit. Er lässt seinen Helden nicht „am späten Nachmittag“ in „den Zug“ steigen, sondern: „Um 16.58 Uhr fuhr mein Zug, der IC 234, ab Bahnsteig 7.“ SIMMEL soll für die Vorbereitung eines Romans bis zu 125000 Euro ausgegeben haben. Das ist wissenschaftliche Akribie! Wir Naturwissenschaftler und Techniker wollen uns in dieser Hinsicht von einem Schriftsteller gewiss nicht übertreffen lassen.

Es scheint uns angebracht, einen Augenblick innezuhalten. Als Chemiker sahen wir in früheren Auflagen unseres Buches keinen Anlass, Herkunft und Reichweite des Begriffs „Laborbuch“ zu erläutern – jeder unserer Kolleginnen und Kollegen weiß, was damit gemeint ist. In der Tat hat der Begriff Laboratorium in der Chemie – der Alchymie des ausgehenden Mittelalters – seinen Ursprung. Das Laboratorium in unserem wissenschaftlich-technischen Verständnis entwickelte sich aus den Studierstuben von Gelehrten und aus den Handwerkstätten etwa der Färber und Goldschmiede. Die ersten Laboratorien im heutigen Sinne plante um 1600 der deutsche Chemiker Andreas LIBAVIUS, wie Sie z. B. in nachlesen können. Je weiter indessen unser Buch über die Chemie und die experimentellen Wissenschaften hinaus drang, desto deutlicher wurde, dass der Begriff „Laborbuch“ zu kurz greift. Für weite Bereiche der deskriptiven Naturwissenschaften ist das Wahrnehmen von Gestalt und Beziehung, das Beobachten und Beschreiben des Seienden, ein geeignetes und ausreichendes Mittel, um Gesetzmäßigkeiten in der Natur zu erkennen. Erst wenn der Naturwissenschaftler bestimmte Einflussgrößen (Variable) willkürlich verändert und Bedingungen schafft, die so in der Natur nicht vorgekommen wären, wird er im engeren Sinn zum Experimentator. Zur Beobachtung „im Feld“ passt aber der Begriff Laborbuch schlecht.

Darin halten beispielsweise Bio- und Geowissenschaftler ihre Befunde fest, darin führen sie ihre statistischen Auswertungen aus. Astronomen haben selten Gelegenheit, mit ihren Lieblingen am Himmelszelt zu experimentieren – immerhin können sie den tausendundeinten Versuch unternehmen, bestimmte von ihnen ausgehende Signale zu entschlüsseln. Wir werden auf die unterschiedlichen Arbeitsweisen der einzelnen naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen und auf die aus ihnen resultierenden unterschiedlichen Formen des Berichts noch gelegentlich zu sprechen kommen. Ansonsten aber gilt, was wir hier über das Laborbuch sagen, auch für Protokollbücher: Beides sind Logbücher des Naturwissenschaftlers und Ingenieurs.

Sie sollen unmittelbar im Laborbuch zu stehen kommen, nicht erst auf Wandtafeln oder auf Zetteln; dort können sie verloren gehen oder beim Übertragen verfälscht werden. Eher gehören hinfort Westentaschen-Computer – als Repositorium, Speicher oder Zwischenspeicher von Information – in die weißen Arbeitsmäntel, die man im Labor zu tragen pflegt, oder auf die Laborbank.

Einen Messwert sofort und unmittelbar – in „Echtzeit“ – in das Laborbuch einzutragen ist verlässlicher, als das später nach Abschalten des Instruments zu tun.

Es versteht sich nach alledem, wie ein Laborbuch beschaffen sein muss und wie es zu führen ist. Dass dabei Handschrift gebraucht wird, macht Labortagebücher keineswegs zu Fossilien des Wissenschaftsalltags. Im Gegenteil: Die Keimzelle der wissenschaftlichen Arbeit verlangt nach einer Urform, und das ist die Handschrift. Wir sagen dies, wohl wissend, dass auch an der Stelle die elektronische Revolution im Begriff ist, die Wegmarken neu zu setzen – durch das elektronische Laborbuch (s. Abschn. 1.3.4).

zeigt einen handgeschriebenen Tagebucheintrag. Er entstand während der Untersuchungen von Sir Harold W. KROTO, für die dieser gemeinsam mit Robert F. CURL, Jr., und Richard E. SMALLEY den Nobelpreis für Chemie 1996 erhielt. Im Gegensatz zu den Daten, die auf elektronischen „memories“ gespeichert sind oder von Druckern ausgedruckt wurden, sind die handschriftlichen Einträge im Laborbuch per definitionem Originale und insofern auch im Jahr 2006 von übergeordnetem Wert.