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Contents

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Wolfgang Schaumann

Charles Darwin

Leben und Werk

Würdigung eines großen Naturforschers

und kritische Betrachtung seiner Lehre

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Vorwort

Dieses Büchlein war ursprünglich ein Selbstgespräch. So manche ganz einfache Beobachtungen in unserer Umwelt wollten mir nicht recht zu Darwins Prinzip der Evolution durch „survival of the fittest“ passen. Also fing ich an zu lesen, um mir ein Bild davon zu machen, wie sich die Fachleute auf diesem Gebiet die Entstehung unserer heutigen Welt vorstellen. Vielleicht hätte ich das gar nicht erst angefangen, wenn ich geahnt hätte, welche Massen an Literatur es zu diesem Thema gibt und wie kompliziert die erkennbaren Zusammenhänge beim heutigen Stand des Wissens geworden sind. Andererseits wurde diese Komplexität zu einem Anreiz für den vorliegenden Versuch, das Thema naturwissenschaftlich vorgebildeten Laien wie mir näher zu bringen. Urteilen Sie selbst, liebe Leser, inwieweit es mir gelungen ist, die Anforderungen an Vorkenntnisse in annehmbaren Grenzen zu halten.

Seit Jahrhunderten haben Gelehrte darüber philosophiert, dass die Welt am Ende der biblischen sechs Tage der Schöpfung anders ausgesehen haben könnte als zu ihren Lebzeiten (Junker und Scherer 1998). Trotzdem gilt Charles Darwin zu Recht als der Stammvater der Evolutionslehre. Seit der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Werkes über die Entstehung der Arten hat die Wissenschaft so gewaltige Fortschritte gemacht, dass er zu einem Schemen der Vergangenheit zu verblassen droht. Es war mir ein Anliegen, sein Werk wie auch den Menschen zu beleben und zu würdigen. Das ist nur möglich, indem man sich in sein gesellschaftliches und wissenschaftliches Umfeld zurückversetzt. Diesem Ziel sind die beiden ersten Kapitel gewidmet.

Darwin war gewissenhaft und selbstkritisch, und so tut es der beabsichtigten Würdigung keinen Abbruch, wenn man auf die Probleme eingeht, mit denen er und seine Anhänger bei der Untermauerung und Verteidigung ihrer Theorie zu kämpfen hatten. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ich bin ein überzeugter Anhänger der Evolutionslehre, doch erscheint mir gerade deshalb Kritik wichtiger als enthusiastische Zustimmung. Die Bedenken von Darwin selbst und die Einwände seiner Zeitgenossen stützten sich auf Beobachtungen, die ohne das heutige wissenschaftliche Rüstzeug jedermann zugänglich sind. Wenn es mir gelingt, Sie zum Mitdenken anzuregen, werden Ihnen sicher noch weitere Beispiele für die zu besprechenden Schwierigkeiten einfallen.

Widerstehen Sie dem Versuch, das Buch von hinten zu lesen. Da geht es um die Biochemie des Erbgutes und die Möglichkeiten seiner Veränderung, um die Kontroverse zwischen der Bedeutung der natürlichen Auslese und des blinden Zufalls, die Art und Weise der Entstehung neuer Arten, alles interessant und wichtig, aber nicht leicht zu verdauen. Ich hoffe es gelingt mir, diese trockene Kost einigermaßen mundgerecht zu servieren.

Heidelberg, im Juli 2002

Wolfgang Schaumann

Einleitung

Ist die Welt erschaffen worden, oder ist sie spontan entstanden? Alte Mythologien und Religionen sind sich mit den modernen Naturwissenschaften darin einig, dass es unsere Erde nicht von Ewigkeit an gegeben hat. Früher war das eine Philosophie, heute sind wir dessen sicher. Als der Mensch zu denken begann, war ihm Vieles unverständlich, und so schuf er sich seine Götter, denen er alles zuschrieb, was seine Vernunft nicht erklären konnte. Dazu gehörte die Erschaffung der Welt als göttliche Tat.

Gott erschuf die Welt in sechs Tagen, so steht es in der Bibel. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften regten sich zunächst Zweifel, ob die sechs Tage wörtlich zu nehmen sind. Wie kommen z.B. Muscheln in Gesteine, die man fernab von jedem größeren Gewässer und viele Meter über dem heutigen Wasserspiegel findet? Offensichtlich hatte es an diesen Stellen einmal ein Meer gegeben, aus dessen Ablagerungen diese Gesteine sich gebildet hatten. Schon im 18. Jahrhundert kamen einige Gelehrte zu der Auffassung, dass Pflanzen und Tiere nicht in der gegenwärtigen Form erschaffen wurden, sondern sich aus primitiven Vorstufen entwickelt haben. Paläontologen wiesen anhand von Fossilien zweifelsfrei nach, dass im Laufe der Erdgeschichte viele Arten verschwanden, andere neu auftauchten. Schon Leibniz (1656 - 1716) und später Kant (1724 – 1804) glaubten an Übergangsformen zwischen verwandten Tierklassen (Junker und Scherer 1998).

Das waren damals philosophische Betrachtungen. Wo es unterschiedliche Auffassungen gibt, werden bald Etiketten gefunden, mit denen man sie bezeichnet. Die Kreationisten sahen die Welt als das Ergebnis eines einmaligen Schöpfungsaktes. Für uns ist es nicht mehr verständlich, wie hartnäckig religiöse Dogmatiker diese Position verteidigten, obwohl sie früher schon hatten zugeben müssen, dass sich die Erde entgegen dem Wortlaut der Bibel um die Sonne dreht und nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist.

Den Kreationisten standen die Evolutionisten gegenüber, für die die Schöpfung nie endet. Die erste wissenschaftlich begründete Theorie einer Evolution der Arten wurde 1809 von dem französischen Biologen J.B. de Lamarck veröffentlicht. Pflanzen und Tiere sollten allerdings nicht von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, vielmehr sollten niedere Formen des Lebens immer wieder neu aus unbelebter Materie entstehen und sich zwangsläufig zu größerer Perfektion weiter entwickeln. Er stellte bereits einen Stammbaum für die Entwicklung der Tierwelt auf. Die von ihm formulierten Gesetze lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: „Bei jedem Tier stärkt der häufigere und dauernde Gebrauch eines Organs dasselbe allmählich, entwickelt, vergrößert und kräftigt es proportional der Dauer dieses Gebrauchs; der konstante Nichtgebrauch eines Organs macht dasselbe unmerkbar schwächer ..... und lässt es endlich verschwinden. ..... Alles, was die Individuen ..... durch den Einfluss des vorherrschenden Gebrauchs oder konstanten Nichtgebrauchs eines Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die Nachkommen vererbt, vorausgesetzt, dass die erworbenen Veränderungen beiden Geschlechtern oder den Erzeugern dieser Individuen gemein sind” (zitiert nach Wuketits 1988).

Diese dem heutigen Sprachgebrauch entsprechende Formulierung wird seinen Vorstellungen besser gerecht als die vereinfachende Wiedergabe seiner Theorien als „Vererbung erworbener Eigenschaften“, eine Vorstellung, die zu seiner Zeit bereits weit verbreitet war. Mit anderen Worten, Lamarck betrachtete eine fortgesetzte Schöpfung und Anpassung an die Umwelt als die Triebfeder der Evolution. Aus der Sicht kirchlicher Dogmatik war das pure Ketzerei, und man kann sich vorstellen, wie Lamarck von dieser Seite angefeindet wurde. Aber auch seine Kollegen spielten ihm übel mit. Die Koryphäen der Wissenschaft waren damals ein kleiner Kreis, in dem zwischenmenschliche Beziehungen für die Anerkennung neuer Ideen von noch größerer Bedeutung waren als heute. Dass er zu Lebzeiten wenig Anerkennung fand ist weniger eine Folge der unvermeidlichen Unvollständigkeit seiner Theorien als der Gegnerschaft mächtiger Kollegen. Die Beobachtungen La- marcks über Entwicklung und Regression von Organen sind unbestritten. Da über die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung noch nichts bekannt war, ganz zu schweigen von ihren biochemischen Grundlagen, brauchte er sich noch keine Gedanken darüber zu machen, wie die Evolution vor sich gehen könnte. Zwar wurde seine Theorie letztlich verworfen, doch hat er den Anstoß für die zunehmende Diskussion des Evolutionsgedankens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben.

Der Grundgedanke der Evolution lag somit in der Luft. Dem Establishment jener Zeit war er zuwider, sei es aus religiösen Gründen oder weil er neu war. Zu Darwins Zeit gehörte deshalb erheblicher Mut dazu, sich für eine solche Idee öffentlich einzusetzen. Das war wohl der Grund dafür, warum ein anderer Evolutionist, Robert Chambers, seine Abhandlung „Spuren der Schöpfung“ (Vestiges of Creation) anonym veröffentlichte. Seine Fakten und Argumente waren jedoch nicht überzeugend, so dass sein Werk dem Gedanken der Evolution eher abträglich war (Stauffer 1975).

Ungeachtet seiner Vorläufer gilt Charles Darwin als die herausragende Persönlichkeit unter den Evolutionisten. Nur er hat in jahrzehntelanger Arbeit die Grundprinzipien der Evolution wissenschaftlich untermauert und gegen viele Angriffe verteidigt. Seine Erkenntnisse bilden noch heute die Grundlage der Lehre von der Fortentwicklung der Arten.

Die Persönlichkeit Darwins und seine Leistung als Wissenschaftler sind nur aus seiner Umwelt und dem damaligen Stand des Wissens heraus zu würdigen. Das ist das Ziel der beiden ersten Kapitel dieses Aufsatzes. Im Folgenden sollen die Probleme seiner Lehre von der Evolution vertieft und aus heutiger Sicht beleuchtet werden.