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Irische Geschichte für Dummies

Inhaltsverzeichnis






































































































































































































































































































































































































































































Danksagung

Über die Jahre habe ich viele Studenten unterrichtet, die die irische Geschichte nicht kannten und auch sonst wenig über Irland wussten. Das war eine herausfordernde und faszinierende Aufgabe, denn ich war dadurch gezwungen, mein Unterrichtskonzept vollständig zu überdenken. Vieles in diesem Buch, auch die Art und Weise, wie die verschiedenen Epochen der irischen Geschichte erklärt werden, resultiert aus den Herausforderungen, vor die mich meine Studenten immer wieder gestellt haben. Ihnen allen gilt mein Dank für ihre Geduld und ihr Interesse.

 

Außerdem möchte ich zwei wichtigen Leuten bei Wiley meine Anerkennung zollen: Alison Yates, die als Erste die Idee zu diesem Buch an mich herantrug und Rachael Chilvers, die lang und hart dafür gearbeitet hat, dass alles richtig gemacht wurde. Auch die Mühen meiner Lektoren Tracy Barr, Martin Key und Neil Fleming seien hiermit gewürdigt. Sie alle machten wichtige Anmerkungen, die zur Verbesserung des Textes beigetragen haben.

 

Meine Kollegen im Centre for Irish Programmes am Boston College waren wie immer eine Fundgrube für nützliche Informationen und ein Quell der Unterstützung. Und außerdem erlaubte Thea Gillien in Dublin es gnädigerweise, dass die Dummies ihr bei ihrer Arbeit im Büro immer wieder in die Quere kamen. Für seine (wiederholte) Hilfe mit der irischen Sprache und ganz allgemein für seine Lebensfreude will ich Brian Ó Conchubhair danken. Wie immer lebte Julie Anderson mit einem Buch in unserem Leben, und sie war immer mit Kommentaren, Hilfe und Aufmunterungen zur Stelle. Alles, was mit diesem Buch nicht stimmt, ist meine Schuld, und all die wunderbaren Menschen, die ich oben genannt habe, sind unschuldig!

Der Autor

Mike Cronin studierte an der University of Kent und in Oxford Geschichte. Die letzten 15 Jahre lehrte er Geschichte an der Universität. Er hat viel über die Geschichte Irlands und über die Geschichte des Sports publiziert. Zu seinen Publikationen zählen eine über Sport und Nationalismus in Irland, eine in Zusammenarbeit mit mehreren Autoren entstandene Geschichte der Feiern zum St. Patrick’s Day und eine Überblicksdarstellung zur irischen Geschichte. Zurzeit ist er wissenschaftlicher Leiter des Centre for Irish Programmes am Boston College in Dublin. Er forscht gerade über große öffentliche Spektakel und Feste im Irland des 20. Jahrhunderts.

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Niemand ist Irland

In diesem Kapitel

Die meisten von uns wissen irgendwas über Irland. Wir wissen, dass Grün die Farbe der Iren ist, St. Patrick ist ihr Nationalheiliger, wir hören Sunday, Bloody Sunday von U2, und wir haben schon mal mitgekriegt, dass der irische Nationalfeiertag im Frühjahr von Iren auf der ganzen Welt mit Paraden und viel Tamtam begangen wird. Aber warum ist dieser Tag eigentlich so wichtig für Irland und für die Iren auf der ganzen Welt? Welchen blutigen Sonntag besingen U2? Und wie steht es mit den Unruhen in Nordirland? Wir wissen, dass dabei Katholiken und Protestanten mitmischen und dass die IRA (Irish Republican Army, zu Deutsch »Irisch-Republikanische Armee«) im Zentrum des Ganzen steht. Aber wie kam es eigentlich zu diesen Unruhen? Und dann sind da noch vierzehn Jahrhunderte Geschichte zwischen der Ankunft von St. Patrick und den Unruhen!

 

Und dann ist da noch das Volk. Die meisten von uns kennen den ein oder anderen berühmten Iren – James Joyce zum Beispiel oder Bono Vox – aber irische Geschichte geht weit über diese berühmten Namen hinaus. Es ist so, dass die irische Geschichte mit Millionen von Menschen zu tun hat. Die Besetzungsliste dieses Stückes ist nahezu endlos, denn auf ihr stehen all die, die die Insel über die Jahrhunderte bewohnt haben. Irland hat der Welt einige ihrer besten Künstler und Literaten und einige großartige Musiker und Tänzer geschenkt, aber auch eine Menge engagierter Politiker und geistlicher Führer. Zusätzlich waren da noch eine ganze Menge Invasoren und Besucher, was die ganze Angelegenheit noch interessanter macht.

i0008.jpgIrische Geschichte ist nicht nur die Geschichte der Großen und Mächtigen. Die Geschichte handelt auch von den Menschen, die über die Jahrhunderte an Seuchen und Hungersnöten starben, es geht immer auch um die Millionen von Menschen, die fort segelten und sich rund um die Welt eine neue Heimat suchten. Es geht um die Arbeiter, die Kanäle, Straßen und Schienenwege in Großbritannien, den USA, Kanada und anderswo bauten und um die Priester und Nonnen, die Mission in Entwicklungsländern betrieben. Wir kennen nur wenige dieser Menschen, denn sie sind nie berühmt geworden, sie sind aber alle ein Teil der Geschichte.

Wer ist hier Ire?

Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die irische Vorfahren haben. Und das ist auch das Bemerkenswerte an den Iren: Sie waren sehr erfolgreich dabei, sich über die ganze Welt zu verbreiten. Die Geschichte des Kommens und Gehens ist in Irland sehr lang, und wenn man diese Muster des Ankommens und Weggehens versteht, wird auch klar, warum es so viele Menschen mit irischen Vorfahren gibt.

Angekommen

Wie Sie noch feststellen werden, wenn Sie die anderen Kapitel lesen, war Irland bei vielen Völkern ein sehr beliebtes Ziel für Invasionen. Diese Invasionen hatten einen großen Einfluss darauf, wer die Iren waren, denn irgendwann fühlten sich alle Invasoren dort so wohl, dass sie anfingen, sich mit der einheimischen Bevölkerung zu vermischen. In den folgenden Abschnitten geht es darum, wer diese Neuankömmlinge waren.

Kelten

Die Kelten waren zwar nicht die ersten Bewohner Irlands, sie waren aber die ersten Fremden, die in großem Maßstab kamen. Sie brachten eine neue Sprache nach Irland und die damals modernsten Methoden der Metallverarbeitung. Außerdem hatten sie intensive Handelsbeziehungen bis nach Kontinentaleuropa. Die letzte Welle der keltischen Einwanderung brachte Gälisch sprechende Stämme nach Irland, und sie waren es, die aus den Iren, vor allem in Hinblick auf die Sprache, etwas Besonderes machten. Mehr Informationen zu den Kelten gibt es in Kapitel 2.

Wikinger

Die Wikinger, die aus Skandinavien kamen, vor allem aus Norwegen, haben großen Einfluss auf Irland ausgeübt. Sie bauten Handelswege zu anderen Wikingern in Europa auf, und obwohl sie bei den Iren, die von den Wikingern immer wieder angegriffen und getötet wurden, nicht sonderlich beliebt waren, gründeten sie viele wichtige Ortschaften.

 

Die Wikinger, auch als Nordmänner bekannt, taten, was alle Eroberer tun – sie begannen Irinen zu heiraten und vermischten sich so mit den Iren. Die Wikinger zwangen den Iren ihre Kultur nicht auf, sie gingen auch nicht wieder heim, sie wurden in die irische Gesellschaft integriert. Historiker sprechen in diesem Zusammenhang von den hiberno-norwegischen oder hiberno-nordischen Stämmen Irlands. Sie waren eine Mischung aus Iren (auf Latein heißt Irland Hibernia) und Wikingern. Solche Einflüsse führten dazu, dass sich die irische Kultur über die Jahrhunderte wandelte. In Kapitel 5 erfährt man mehr über den Einfluss der Wikinger in Irland.

Normannen

Die entscheidendste Invasion in der Geschichte Irlands war die der Normannen am Ende des 12. Jahrhunderts. Nachdem sie 1066 die Schlacht von Hastings gewonnen hatten, herrschten sie über England. Sie hatten, zumindest nach dem Maßstab der Zeitgenossen, eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die Dinge laufen sollten. Eigentlich waren sie nach Irland gekommen, weil man sie gebeten hatte, lokale Streitigkeiten zu schlichten, ihnen gefiel es dort aber so gut, dass sie blieben. Auch sie schlossen Ehen mit Irinen und übernahmen irische Gepflogenheiten (und sie wurden, nachdem sie sich den Iren angepasst hatten, als Anglonormannen bekannt). Und mit den Jahren hatten ihre normannischen Landsleute in England immer mehr Probleme sie wiederzuerkennen. Der Entschluss der Normannen, in Irland zu bleiben, führte dazu, dass die irische und die englische Geschichte in den folgenden Jahrhunderten immer miteinander verbunden blieben. In Kapitel 7 steht mehr über die Normannen.

Engländer

Wann wurden die Normannen zu Engländern? Also, ohne jetzt einen langen Ausflug in die englische Geschichte und das frühe Mittelalter zu unternehmen, ist die einfache Antwort (mit ein bisschen Schummeln): irgendwann im 13. Jahrhundert. Wichtig dabei ist, dass die Engländer, und besonders ihre Könige, begannen, sich selbst als Engländer zu sehen, die sich deutlich von ihrem normannischen (genauer gesagt ihrem französischen) Ursprung entfernt hatten. Um ehrlich zu sein, inzwischen konnten sie die Franzosen nicht mehr ausstehen und sie führten ständig Kriege gegen sie. In Irland bedeutete die Bildung eines klar definierten und deutlich ausgeprägten Englandbewusstseins, dass die Engländer sich jetzt bemühten, irgendjemanden auf der Grünen Insel zu verstehen. Die Iren waren schon immer irgendwie mysteriös gewesen, aber der irisch-normannische Mix war den Engländern genauso fremd. Englische Könige wie Heinrich II., Richard Löwenherz und Johann Ohneland schickten schließlich Truppen nach Irland, und so begann der Zustrom von Engländern nach Irland. Mehr über die englischen Verstrickungen in Irland ist in Kapitel 9 zu lesen.

»Planters«

Nach der Reformation (siehe Kapitel 11) kam man auf die Idee, Irland der neuen Religion, dem Protestantismus, zu verpflichten. Die Iren, die ja Katholiken waren, hatten gegen die ganze Idee Widerstand geleistet. Elisabeth I. wollte keine Zeit mehr damit verschwenden, die Iren von den Vorteilen des neuen Produkts zu überzeugen, stattdessen schickte sie ihre eigenen Leute nach Irland. Die Plantation (wörtlich »Bepflanzung«) begann. Das bedeutet, dass die Krone große Stücke Land an Protestanten vergab, die bereit waren, sich im katholischen Irland niederzulassen und die Sache anzupacken. Das war ein beherzter Schritt. Es kam zu einer neuen Einwanderungswelle von Engländern und Schotten nach Irland. Sie waren strenggläubige Protestanten, die ihre Aufgabe in Irland als religiöse Mission sahen. In Kapitel 13 geht es um diese Pflänzchen.

Spanier und Franzosen

Schon immer wurden Geschichten über Iren mit dunkler Haut und dunklen Haaren erzählt, die die Nachfahren von schiffbrüchigen spanischen Seeleuten gewesen sein sollen. Diese Geschichten scheinen allerdings etwas weit hergeholt zu sein. Die Spanier hatten während der englisch-spanischen Kriege in der Zeit von Elisabeth I. mit Irland zu tun, und offensichtlich endeten Teile der Armada an der irischen Küste. Einige dieser Seeleute ließen sich wahrscheinlich schon in Irland nieder und heirateten dort, es ist aber zu bezweifeln, dass ihre Gene so dominant waren, dass ihre äußeren Kennzeichen auch heute noch bei Kindern hervortreten. Genau wie die Spanier hatten auch die Franzosen immer mal wieder nach ihrer Revolution von 1789 mit der irischen Politik zu tun. Es gab einige französische Flotten und Truppen, die in Irland landeten (aber nie erfolgreich). Tatsache ist aber, dass sie da waren (siehe Kapitel 15).

Neue Iren

Irland wurde immer als ein Land betrachtet, das man verließ – besonders seit dem 19. Jahrhundert. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben jedoch immer mehr Menschen beschlossen, Irland zu ihrer Heimat zu machen, denn in anderen Teilen der Welt werden Kriege geführt und die irische Wirtschaft boomt. Seit den 1990er Jahren wandern immer mehr Menschen in Irland ein. Wenn man in Irland ist, sollte man also nicht überrascht sein, wenn der Barkeeper oder die Bedienung aus China, Osteuropa, Australien oder Südafrika kommen. Die neuen Iren machen einen multikulturellen Ort aus Irland und besonders aus Dublin.

Weggegangen

Bei einem der wichtigsten Ereignisse in der irischen Geschichte geht es gar nicht wirklich um Irland. Es geht um die Menschen, die die Insel verließen. Man schätzt, dass Ende des 20. Jahrhunderts 70 bis 90 Millionen Menschen auf der ganzen Welt von sich behaupten konnten, irische Vorfahren zu haben. Für eine Insel mit nicht mal sechs Millionen Einwohnern ist das eine recht beeindruckende Diaspora.

 

Schon früh verließen die Iren ihre Insel. Einige der ersten Auswanderer waren Mönche, die neue Aufgaben auf dem Kontinent suchten. Ihnen folgten Menschen, die in der britischen Armee dienten und so halfen, das britische Empire aufzubauen, und eine ganze Menge Leute, die über die Irische See fuhren, um in Großbritannien Arbeit zu finden.

Iren in Großbritannien

Trotz aller Gegensätze zwischen Großbritannien und Irland trugen die Iren ganz wesentlich zum Erfolg der Briten bei. Während der industriellen Revolution stellten die Iren Arbeitskräfte in den britischen Fabriken, sie bauten die Kanäle und Eisenbahnstrecken des Landes. Sie dienten als Soldaten in der britischen Armee, die in alle Ecken der Welt zog, sie bereisten das Empire als Lehrer, Staatsdiener, Missionare und Ingenieure. Im 20. Jahrhundert zogen die Iren in großer Zahl in die beiden Weltkriege, sie opferten dort ihr Leben und trugen wesentlich zum Sieg bei.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren es Hungersnöte, die die Menschen veranlassten Irland zu verlassen. Inzwischen war die Welt größer geworden, und so weit entfernte Orte wie Australien und Amerika waren erreichbar und bereit für die Iren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen unglaubliche Menschenmassen das Land, Hunderttausende packten ihre Siebensachen. Im 20. Jahrhundert wurde es nicht viel besser. Rezessionen in den 1920er, den 1950er und den 1980er Jahren führten dazu, dass ganze Generationen ihr Glück im Ausland suchten. Auch die Unruhen in Nordirland seit den 1960er Jahren überzeugten viele Menschen davon, dass ihre Zukunft außerhalb Irlands lag.

i0009.jpgDie Iren, die ihre Heimat verließen, blieben ihr trotzdem sehr verbunden. Über die Jahrhunderte kehrten viele von ihnen zurück oder sie ermutigten ihre Nachkommen dazu. Eine besonders hohe Quote an Rückkehrern ist seit dem Wirtschaftsaufschwung in den 1990er Jahren und dem Anstieg der Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitnehmern in den Bereichen Informationstechnologie und Finanzen zu verzeichnen. Auch viele Unternehmen, die ihre Zentrale nach Irland verlegt haben, haben Geschäftsführer mit irischem Erbe. Während ihre Entscheidung, ihre Unternehmen in Irland anzusiedeln, zweifellos solide wirtschaftliche Gründe hatte, darf man auch vermuten, dass ihre Wahl aus gewissen sentimentalen Gefühlen auf die alte Heimat gefallen ist.

Einerseits ist die Geschichte der Auswanderung durchaus deprimierend. Es war die Armut, die die Menschen dazu veranlasste, ihre Heimat zu verlassen, und oft starben sie auf der Reise. Waren sie in ihrer neuen Heimat angekommen, waren viele gezwungen entsetzliche Arbeiten anzunehmen, sie fanden Trost im Alkohol oder starben in genau der Armut, der sie eigentlich entkommen wollten. Das ist der Stoff, aus dem die Lieder vieler irischer Sänger sind. Aber die Geschichte der Auswanderung ist andererseits auch die Geschichte großer Erfolge. Ohne die Iren sähe die Welt anders aus. Sie spielten eine wesentliche Rolle dabei, Länder wie Australien oder die USA so erfolgreich zu machen. Es zeigte sich, dass die Iren gute Politiker und Geschäftsleute sind, sie stellten einige der bedeutendsten Künstler, Literaten und Musiker der Welt, und sie schickten Geld zurück nach Irland, um ihre Familien dort über Wasser zu halten.

So eine kleine Insel und so viel Geschichte

Irland ist nicht sonderlich groß. Wenn man die Insel aus einer Weltkarte ausschneidet und auf die USA, Kanada oder Australien legt, sieht Irland ziemlich klein aus. Größe ist aber nicht alles, wie ein altes Sprichwort sagt. Für seine Größe hatte Irland großen Einfluss auf das Weltgeschehen, und auch auf der Insel selbst ist ziemlich viel passiert. In den folgenden Abschnitten geht es um die großen Themen der irischen Geschichte, sie alle spielten in der Geschichte der Insel eine bedeutende Rolle und formten das heutige Irland.

Irland und das Land jenseits der Irischen See

Großbritannien und Irland gehören zusammen wie Dick und Doof. Die Geschichte Irlands kann nicht ohne die Geschichte Großbritanniens betrachtet werden. Die Ereignisse in Irland und Großbritannien wirken ständig aufeinander ein. Manchmal war das zum Wohle aller, meistens war aber eine Partei die leidtragende. Seit dem 12. Jahrhundert mischte sich Großbritannien in die politischen Angelegenheiten Irlands. Wirtschaftlich waren die beiden Länder eng verbunden, und die irischen Einwanderer stellten während der industriellen Revolution in Großbritannien einen wichtigen Teil der Arbeiterschaft. Im frühen 20. Jahrhundert führten die Briten und die Iren einen Krieg gegeneinander, es ging darum, ob Irland unabhängig werden sollte. Und seit den 1960er Jahren sind die Briten in die Unruhen in Nordirland verwickelt.

Religion

Oft wurde die Religion für alles verantwortlich gemacht, und tatsächlich war ihr Einfluss auf Irland immens. Die Iren sind seit der Ankunft von St. Patrick und der Einführung des Christentums ein sehr religiöses Volk. Das Bild wurde mit der Erfindung des Protestantismus und seinem schwierigen Verhältnis zum Katholizismus komplexer. Dieser Kampf brachte viele Morde und Märtyrer hervor. Zwar waren auch andere Aspekte der Geschichte wichtig für Irland, der Einfluss der Religion hat Irland aber am tiefsten geprägt. Ob es die Unterdrückung der alten heidnischen Religionen, die Einführung des Christentums, die Auseinandersetzungen rund um die Reformation oder die religiöse Komponente bei den Unruhen in Nordirland war, die Religion stand schon immer im Mittelpunkt der irischen Geschichte.

 

Die beiden Konfessionen hatten entscheidenden Einfluss auf das, was aus der Republik Irland und Nordirland im 20. Jahrhundert geworden ist, und sie haben es noch.

i0010.jpgHeute gelten sowohl in der Republik Irland als auch in Nordirland Gesetze, die die freie Religionsausübung als persönliches Recht des Einzelnen schützen. Aber natürlich haben die beiden Staaten den Katholizismus beziehungsweise den Protestantismus bevorzugt. Die Lehren der katholischen Kirche wirken sich in der Republik Irland stark aus, und Gesetze, die gesellschaftliche Fragen wie Scheidung, Abtreibung und Empfängnisverhütung betreffen, wurden von der Politik in den letzten Jahrzehnten behandelt wie heiße Kartoffeln. Offiziell sind Kirche und Staat zwar sowohl in der Republik als auch im Norden getrennt, weil die meisten Menschen aber immer noch ein starkes religiöses Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Kirche haben, stimmen hier viele Gesetze noch eher mit den Lehren der Kirche überein als im restlichen Europa.

Land

Im Theaterstück The Field (es wurde unter demselben Titel verfilmt, auf Deutsch heißt der Film Das Feld) von John B. Keane (1928 – 2002) tötet ein Mann einen anderen wegen eines Flecken Lands. Es ist ein sehr kraftvolles Theaterstück und fängt eines der beherrschenden Themen der irischen Geschichte sehr gut ein. Es geht um die Frage: Wem gehört das Land?

 

Irland war bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein von der Landwirtschaft und von der bäuerlichen Lebensweise geprägtes Land. Traditionell verdienten die Menschen ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft. Das Problem war nur, dass es anderen gehörte (den Landlords – »Großgrundbesitzern«), und der normale irische Bauer konnte es sich nicht leisten, das Land zu kaufen. Vor dem Ende des 19. Jahrhunderts waren die Iren Jahrhunderte lang systematisch als Grundbesitzer verdrängt worden, denn so konnten die Engländer ihnen den Zugang zu Macht und Geld verwehren. Die Kontrolle über das Land war, wie wir noch sehen werden, ein wichtiges Mittel, um die Kräfteverhältnisse in Irland zu kontrollieren, außerdem war es der Versuch, der unwilligen irischen Bevölkerung den protestantischen Glauben aufzuzwingen.

 

In diesem Buch wird das Thema immer wieder auftauchen, man sollte also Folgendes im Gedächtnis behalten: Für den Engländer ist sein Heim vielleicht eine Burg, für den Iren ist es ein schönes grünes Feld, das er sein Eigen nennen kann.

Hungersnot

Die Iren hatten immer wieder unter Hungersnöten zu leiden, das waren Zeiten, in denen es wegen schlechten Wetters oder Krankheiten zu gewaltigen Ernteausfällen kam. Über die Jahrhunderte starben Millionen Menschen, und Hungersnöte gehören zu den immer wiederkehrenden Tragödien der irischen Geschichte.

 

Unter all diesen Hungersnöten war auch eine der größten Tragödien der irischen Geschichte – die Große Hungersnot von 1845 bis 1851. Wären die Hungersnöte nummeriert wie die Fortsetzungen in Hollywood, hätte diese Folge vielleicht so geheißen: »Hungersnot 28: Die Rückkehr des Hungers«. Dennoch war diese Hungersnot aus einer ganzen Reihe von Gründen wichtig:

  • coche.jpg  Sie führte zur massenhaften Auswanderung der Iren in die ganze Welt.
  • coche.jpg  Man gab den Briten die Schuld für die Hungersnot, und das vergrößerte den Groll der Iren gegen die Briten.
  • coche.jpg  Der Tod so vieler Menschen macht deutlich, in welchem schrecklichen Zustand die irische Wirtschaft und Infrastruktur waren.
  • coche.jpg  In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen schließlich Forderungen nach Landreformen auf, und schließlich fand die Forderung nach der Unabhängigkeit Irlands breite Unterstützung.

Auswanderung

Die Antwort der Iren auf Hungersnöte, den Mangel an wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten und politische Umbrüche war die Auswanderung. Wie kein anderes Volk in der Geschichte verließen die Iren ihr Land. Aber die Auswanderungswelle in der Mitte des 19. Jahrhunderts war nichts Neues. Menschen aus Irland waren maßgeblich an der frühen Besiedlung Amerikas beteiligt. Noch früher, im frühen 17. Jahrhundert, hatten irische Adlige als Reaktion auf politische Niederlagen das Land verlassen und waren nach Europa gegangen. Im 8. und 9. Jahrhundert waren irische Mönche wesentlich daran beteiligt das Christentum in Europa zu verbreiten. Daran sieht man, dass die Iren immer schon Reisende waren, und darum findet man ihre Nachkommen auch auf der ganzen Welt.

Selbstbestimmung

Ein immer wiederkehrendes Thema der irischen Geschichte ist der Wunsch der Iren einfach nur in Ruhe gelassen zu werden (es sei denn, sie brauchten fremde Hilfe gegen die Briten, dann wandten sie sich oft an die Spanier oder Franzosen). Das Ideal, das sie sich wünschten, für das sie warben und für das sie Kriege führten, war, dass alle anderen verschwinden und die Iren ihr Land so führen konnten, wie sie es wollten. Vor dem 19. Jahrhundert waren die Iren vor allem damit beschäftigt, ihre katholische Religion zu bewahren und die Kontrolle über das Land zu behalten. Deshalb war auch ihr Widerstand gegen die Briten so groß. Die Iren glaubten, die Briten wollten ihr Land übernehmen und ihnen den Protestantismus aufzwingen. Im späten 19. Jahrhundert manifestierte sich diese Tradition des Widerstands in einem Nationalismus, der zu den Waffen griff, um für ein unabhängiges Irland zu kämpfen.

 

Die Idee der Selbstbestimmung hat viele verschiedene Formen angenommen, und über die Jahrhunderte sind viele verschiedene Anführer hervorgetreten, die alle verschiedene Vorstellungen davon hatten, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Unter diesen Anführern waren:

  • coche.jpg  Brian Boru (siehe Kapitel 5) war ein großer irischer Anführer. Er ist ein gutes Beispiel für einen frühen irischen Führer, denn ihm gebührt die Ehre, die Wikinger aus Irland vertrieben zu haben. Sein wichtigstes Ziel war es, Invasoren von Irland fernzuhalten.
  • coche.jpg  Hugh O’Neill (siehe Kapitel 12) mochte Elisabeth I. und ihre Herrschaft über Irland nicht sonderlich. Er zettelte einen landesweiten Aufstand an und brachte die Spanier dazu, in den Konflikt einzugreifen. Sein Ziel war es, die Engländer aus Irland zu vertreiben, und das hätte er auch fast geschafft. Am Ende hat er zwar doch verloren, er steht aber für die Geisteshaltung aufeinanderfolgender irischer Adliger, die versuchten, es mit den Engländern aufzunehmen.
  • coche.jpg  Daniel O’Connell (siehe Kapitel 16) gilt als einer der großen irischen Anführer. Er glaubte fest daran, verfassungsgemäße Politik mit der Unterstützung der Volksmassen zu verbinden. So konnte er das irische Volk in einer Kampagne gegen antikatholische Gesetzgebung mobilisieren, die erfolgreich war. Er betrachtete Irland als katholische Nation und als eine, die einen bestimmten Grad von Unabhängigkeit gegenüber Großbritannien haben sollte.
  • coche.jpg  Eamon de Valera (siehe Kapitel 22) rebellierte 1916 gegen die Briten und war eine der wichtigsten Galionsfiguren der Revolutionszeit. Er glaubte fest daran, dass Irland eine unabhängige Republik sein sollte, musste sich aber mit weniger zufrieden geben. Er verkörpert die Ideologie politischer Unabhängigkeit, die Irland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherrschte.

Kultur

Wo wäre die Welt ohne den irischen Kulturbeitrag? Und mit Kultur sind nicht nur so schlaue Sachen wie die Theaterstücke von Samuel Beckett gemeint. Es geht um alles Kulturelle: Tanz, Lieder, Musik, Sport, Literatur, Drama, Sprache, Gesang und so weiter. Ohne die Iren gäbe es keinen Riverdance, keine traditionellen irischen Jigs, kein U2, kein Bloomsday, kein Hurling, und Ernst sein ist alles (Oscar Wild wurde in Dublin geboren und hat am Trinity College in Dublin studiert) gäbe es auch nicht.

 

Trotz all dieser modernen Erscheinungsformen der irischen Kultur sollte man nicht vergessen, dass die Tradition von Kunstsinn, Kunstfertigkeit und Erfindungsreichtum weit zurückreicht. Das Nationalmuseum in Dublin ist voll von umwerfend schönen keltischen Metallarbeiten, und das Trinity College beherbergt eine der besten Sammlungen illuminierter Handschriften, die von ausnehmend geschickten Mönchen in irischen Klöstern angefertigt worden sind. Auch die Sprache der Iren ist ganz fantastisch und ihre mündliche Überlieferung ist außerordentlich reich. Aber nicht alles hat sich auf der Insel entwickelt: Die irische Kultur ist auch ein Produkt äußerer Einflüsse. Die aufeinanderfolgenden Plünderer und Invasoren, seien es Wikinger oder Normannen, brachten alle ihre eigene Kultur mit ein, und das machte die Iren nur noch einfallsreicher.

Lebendige Geschichte

Molly Malone schob ihre Schubkarre durch die engen Gassen und breiten Straßen Dublins und versuchte nicht ganz einwandfreie Muscheln an arglose Dubliner zu verkaufen. Es ist nicht überliefert, ob jemand wegen dieser Schalentiere krank wurde, in der Nassau Street steht Molly Malone aber unsterblich in Bronze gegossen. Ich gehe jeden Tag an ihr vorbei, und jeden Tag wird die arme alte Molly fotografiert und die Leute klettern über sie. Was Molly zeigt, ist, dass Geschichte in Irland überall präsent ist. Von Mahnmalen, die an die Große Hungersnot erinnern, an abgelegenen Orten wie Boston bis zur Statue von Edward Carson in der Auffahrt zu Stormont Castle in Belfast, dem nordirischen Parlamentsgebäude, überall wird der irischen Geschichte in Stein, in Bronze oder in Bildern gedacht. Die Schauplätze wichtiger Schlachten sind immer noch auffindbar, alte Gebäude sind bewahrt worden, überall auf der Welt kann man Guinness trinken, und der St. Patrick’s Day wird jedes Jahr von Lagos bis Limerick gefeiert. Die Geschichte und ihre Hinterlassenschaften sind lebendig, sie sind wohlauf und können jederzeit überall auftauchen.

 

Im ganzen Buch finden sich Einzelheiten darüber, wie die Iren ihrer Geschichte gedenken. Das ist recht hilfreich, weil die Bedeutung verschiedener Statuen und Gedenkveranstaltungen erklärt wird, es soll aber eigentlich auch zum Denken anregen. Wenn man Irland besucht, sollte man immer die Augen offen halten. Denn egal wo man ist, man stößt immer auf ein Stück Geschichte.

Irland in der Gegenwart

Irland ist eine Insel, die vor der Westküste Großbritanniens im Atlantik liegt, sie ist die letzte Station zwischen Europa und Amerika. Hier leben ungefähr 5,7 Millionen Menschen. Die Insel besteht aber nicht aus einem Land, sondern aus zwei. Irland besteht aus 32 Counties (Grafschaften), die sechs im Nordosten bilden Nordirland, das offiziell Teil des Vereinigten Königreichs ist. (United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland ist der offizielle Staatsname dessen, was im deutschen Sprachraum vereinfacht als Großbritannien bezeichnet wird. Großbritannien ist aber eigentlich nur der Name der Insel, auf der England, Schottland und Wales liegen.) Die anderen 26 Counties bilden die Republik Irland, das ist ein eigener Staat mit einem eigenen Parlament in Dublin, dem Dáil Éireann (Versammlung Irlands). In Nordirland leben ungefähr 1,7 Millionen Menschen, in der Republik 4 Millionen.

 

Beide Teile Irlands gehören der Europäischen Union an, aber nur Nordirland ist, als Teil von Großbritannien, Mitglied in der NATO. Die Republik Irland verfolgt traditionell eine Politik der Neutralität. In Irland gibt es zwei Amtssprachen: Englisch und Irisch. In einer vor Kurzem durchgeführten Umfrage erklärten 1,5 Millionen Menschen, sie sprächen Irisch, 340 000 davon benutzen die Sprache täglich. Offiziell ist die Republik Irland zweisprachig, alle Orts- und Straßenschilder und alle offiziellen Dokumente sind also auf Englisch und Irisch verfasst. In der Gaeltacht (Regionen, in denen Irisch als erste Sprache vorherrscht) sind Ortsnamen und Straßenschilder nur auf Irisch ausgezeichnet. Seit Januar 2007 ist Irisch auch Amtssprache der Europäischen Union.

 

In Irland sind zwei christliche Konfessionen vorherrschend: Katholizismus und Protestantismus. In Nordirland zählen sich 83 Prozent der Bevölkerung als zu einer Religionsgemeinschaft zugehörig. Davon waren 53 Prozent Protestanten und 44 Prozent Katholiken. In der Republik Irland gehören 92 Prozent der Bevölkerung der Römisch-Katholischen Kirche an und nur 5 Prozent sind Protestanten. In beiden Teilen Irlands nimmt die Anzahl der Menschen, die einer anderen Religion angehören, zu, was hauptsächlich ein Ergebnis der verstärkten Einwanderung seit den 1990er Jahren ist.

 

Und noch Folgendes für die Akten: In der Republik Irland kaufen die Menschen mit Euro ein, die in Nordirland geben Britische Pfund aus. Die Flagge der Republik ist die irische Trikolore, in Nordirland weht der Union Jack. In der Republik singt man die Nationalhymne Amhrán na bhFiann (Ein Soldatenlied), in Nordirland God Save the Queen.