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Inhalt

EINLEITUNG

DER SPIELPLATZ

DIE LIEBENDE UMARMUNG

ORALE LUST

POSITIONEN DER LIEBE

VERGNÜGEN AUF EIGENE GEFAHR

GRENZBEREICHE DER LUST

LANDEN NACH DEM HÖHENFLUG

STICHWORTVERZEICHNIS

Little Black Book
des

KAMASUTRA

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Das Handbuch von der Kunst Liebe zu machen

L. L. Long

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Jürgen Dubau

Illustriert von Bil Donovan

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Vorbemerkung

Stimmt das Verhalten des Paares mit den Lehren des Kamasutra überein, wird dessen Leben in erotischer Hinsicht erfolgreich sein. Die Partner werden stets miteinander zufrieden sein, und ihr Sinnen ist von keinem Verlangen nach Untreue getrübt.

Devadatta Shastri

Indischer Kommentator, zitiert im Kamasutra

Anmerkung des Autors

Diese Texte des Kamasutra sind Tausende von Jahren alt. Viele waren mündlich überliefert, bevor sie in ihren ursprünglichen Sprachen wie Sanskrit oder Arabisch schriftlich festgehalten wurden. Wahrscheinlich sind Teile davon im Laufe der Geschichte verloren gegangen oder die Bedeutung bestimmter Abschnitte könnte sich auch geändert haben, entweder zufällig oder durch die Art der Darstellung oder Auslegung. Durch die zahlreichen Übersetzungen wurde möglicherweise die ursprüngliche Bedeutung des Textes weiter verschleiert. Im Geiste der unvollkommenen Kunst der mündlichen Überlieferung habe ich mir die Freiheit genommen, dem Kamasutra eine moderne Sinnlichkeit zu geben sowie Handlungen und Ideen abzuleiten, die im Text nicht explizit erklärt werden.

L. L. L.

Einleitung

Was geht uns ein 1600 Jahre altes Buch an?

Tja, was eigentlich? Sexführer gibt es in jedem guten Buchladen, und in fast jedem Mode-magazin finden sich ausführliche Artikel, die Tech-niken und akrobatische Positionen beschreiben. In der Abteilung Sex gibt es eindeutig nichts Neues unter der Sonne.

Warum also sollen wir auf den uralten Text des Kamasutra von Vatsyayana mit seinen Lingams und Yonis und all seinen fremdartigen Begriffen und Gebräuchen zurückgreifen? Weil, lieber Leser und liebe Leserin, das Kamasutra die Quelle ist, aus der alle nachfolgenden Sexualratgeber entspringen. Es ist das Original, das einzig wahre Handbuch. Lassen Sie sich nicht mit Nachahmungen abspeisen. Gehen Sie zur Quelle. Denn trotz seiner altertümlichen Sprache ist das Kamasutra auch ein großartiges poetisches Werk. Sicher, Sie können sich mit Position Nummer 16 befassen, von der Sie in Ihrem Lieblingsmagazin gelesen haben, und sich selbst so sehr verbiegen, als würden Sie eine erotische Version von Twister spielen. Aber um wie vieles erfreulicher wird Ihre Erfahrung sein, wenn Sie diese Begegnung mit Ihrem geliebten Menschen Position der Himmelskönigin nennen können? Poesie ist wichtig, sogar beim Sex. Vor allem beim Sex.

In diesem Buch wird für die Liebenden von heute alles in einen modernen Kontext gestellt, damit Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin so viel Spaß haben wie unsere unbeschwerten Vorfahren.

Während Sie noch bekleidet sind

Zunächst möchte ich das Kamasutra in einen historischen Kontext bringen: Der Originaltext ist eigentlich eine bearbeitete Anthologie mit Kommentaren verschiedener älterer Werke, die im 4. Jahrhundert n. Chr. von einem gelehrten Mann namens Vatsyayana zusammengestellt wurde, der einer hohen Kaste angehörte. Er war besorgt darüber, dass die alten erotischen Texte schwer zugänglich waren, und versuchte, sie in einer einzigen Ausgabe zu kombinieren. Man kann sich gut vorstellen, wie mühselig seine Nachforschungen gewesen sein mögen, insbesondere 1600 Jahre vor Erfindung des Internets. In seinen Ausführungen versichert Vatsyayana dem Leser, er habe alle im Text beschriebenen Praktiken durch eigene Erfahrung überprüft.

Der Originaltext ist eine umfassende Anleitung dafür, was es heißt, im Indien des 4. Jahrhunderts (eine für heutige Begriffe überraschend emanzipierte Gesellschaft) ein guter Bürger zu sein. Er wendet sich an einen Leser, der heutzutage dem sogenannten „metrosexuellen“ Mann entsprechen würde. Von diesem wurde erwartet, dass er kultiviert, wohlhabend, sportlich und gut gekleidet sei, zudem bei Feiern die Rolle des Erzählers einnehmen könne. Bis heute haben sich unsere Erwartungen also kaum verändert, nicht wahr?

Ein Mann muss sich in drei voneinander unabhängigen Bereichen selbst verwirklichen. Das sind die spirituelle Tugendhaftigkeit [dharma], materielle Güter [artha] und der sinnliche Genuss [kama]. Diese Bereiche soll er so in Einklang bringen, dass keine den anderen abträglich ist.

Yashodhara, Kommentar aus dem 12. Jahrhundert über das Kamasutra (dieser Kommentar wurde in moderne Übersetzungen aufgenommen)

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Wir wissen, warum Sie dieses Buch gekauft haben, also überspringen wir Spiritualität und materielle Güter und gehen direkt zum sinnlichen Genuss. Hier soll es genügen zu betonen, dass das Kamasutra nachdrücklich ein ausgeglichenes Leben befürwortet und darauf verweist, dass ein erfülltes Liebesleben nur möglich ist, wenn sich alle Aspekte des eigenen Lebens in Harmonie befinden. Das ist auch in der heutigen Zeit ein guter Rat.

Viele der im Originaltext beschriebenen Praktiken erscheinen uns heute recht eigenartig: Es gibt ausführliche Abschnitte über eine Geheimsprache, die sich in Bissund Kratzwunden ausdrückt. In gewisser Hinsicht könnten wir das als Absonderlichkeiten einer anderen Zeit abtun, doch im damaligen Kontext enthielten sie eine tiefere Bedeutung. Sichtbare Kratzer waren Kennzeichen des Besitzes und erotischer Fähigkeiten und wurden von Liebenden beiderlei Geschlechts zur Schau getragen. Ebenso können die Leser von heute es als Missklang empfinden, dass sich der Text an einen Mann richtet, doch Vatsyayana belehrt seinen Leser immer wieder darüber, wie er die Dame seines Herzens erfreut und ihr gefällig ist, und ermutigt die Frauen, sich mit dem Text vertraut zu machen. (Von daher ist in diesem Buch, wenn sich die allgemeinen Ausführungen an den Mann richten, in der Formulierung auch die Frau gemeint, und umgekehrt, um nicht wiederholt explizit „den Geliebten“ bzw. „die Geliebte“ nennen zu müssen.) Im Grunde wurzelt dieser Text im Verlangen nach Genuss, der für einige wenige Glückliche zur spirituellen Vereinigung führt.

Die höchste Freude des Mannes und der Frau ist die gegenseitige Entdeckung der natürlichen Unterschiede im unteren Bereich ihrer Leiber…

Yashodhara

Zunächst rät Vatsyayana, dass alle (und damit sind Sie gemeint!) die „64 Künste“ studieren. Das ist eine Auflistung von Fähigkeiten, die sowohl Männer als auch Frauen meistern sollten. Dazu gehören unter anderem die Zauberei, Wortspiele und Poesie, Schach und – natürlich – die erotischen Künste. Für die Zwecke dieses Buches werden wir allerdings davon ausgehen, dass unsere Leser in diesen verschiedenen Künsten oder ihren zeitgenössischen Entsprechungen bereits Experten sind.

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Schließlich werden wir uns auch mit anderen alten erotischen Werken Asiens beschäftigen: dem Ananga Ranga, dem Duftenden Garten und Teilen des chinesischen T’ung Hsüan Tzu oder Tao. Sir Richard Burton, ein Gelehrterdes 19. Jahrhunderts, stellte mit Bedacht aus dem Kamasutra, dem Ananga Ranga und dem Duftenden Garten für seine unterdrückte viktorianische Leserschaft eine Anthologie zusammen – das waren also drei Skandale auf einmal in nur einem Buch! Doch sollte hier vor allem angemerkt werden, dass es sich tatsächlich um drei völlig unterschiedliche Werke handelt, die die kulturellen Werte ihrer Zeit widerspiegeln und von denen jedes seine eigenen Verdienste hat. Wir raten Ihnen also dringend, sich auch mit diesen Texten eingehend zu beschäftigen.

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Ebenfalls aus Indien stammend, ist das Ananga Ranga ein Werk des 15. oder 16. Jahrhunderts. Jene Welt unterschied sich damals sehr von der weltoffenen Kultur des ursprünglichen Kamasutra, denn hier gab es u. a. die Trennung der Geschlechter und arrangierte Ehen. Dem Autor ist daran gelegen, verheiratete Paare über sexuelle Vielfalt zu informieren, um Langeweile zu verhindern und Treue zu gewährleisten.

Der Duftende Garten entstammt der islamischen Welt Ende des 15. Jahrhunderts. Obwohl dessen Autor Scheich Nafzawi etwas von einem Chauvinisten an sich hat, ist es doch ein Werk mit viel Humor und Poesie und ein wertvoller Beitrag zur erotischen Weltliteratur.

Die letzte Station auf unserer erotischen Weltlesetour ist das chinesische T’ung Hsüan Tzu. Die chinesische Philosophie des Taoismus betont die Wichtigkeit einer Ausgeglichenheit aller Aspekte des Lebens. Sexualität ist ein Weg, um die ungleichen Elemente von Yin und Yang wieder in perfekte Balance zu bringen.

Zwar gehören diese vier Texte in andere Zeiten und fremde Welten, doch das Liebeswerben ist zeit- und alterslos. Lassen wir uns durch die Werke der alten Meister sowohl anregen als auch erbauen.

Es steht geschrieben, dass „der Mann, der in Wohlstand, Liebe und spiritueller Tugend vollendet ist, mühelos das größte Glück in dieser und der nächsten Welt erlangen wird“.

Vatsyayana

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Der Spielplatz

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Sexualität ist für das Überleben der Menschheit unverzichtbar, so wie die körperliche Gesundheit der Nahrung bedarf, und von beidem hängen spirituelle Tugendhaftigkeit und Wohlstand ab.

Vatsyayana

Der Tempel des Leibes

Guter Sex geschieht nicht einfach so. Die erfahrenen Liebhaber von gestern und heute wissen, dass das Liebesspiel bereits Stunden, manchmal gar Tage vor dem Geschlechtsverkehr beginnt. Große Liebhaber nehmen das empfindlichste Sexualorgan (das Gehirn) schon hinzu, bevor sich irgendwelche Körperteile berühren. Die Sitten mögen sich ändern (wir kauen nach der Mahlzeit zum Beispiel keine Betelnüsse mehr, um den Atem wohlriechender zu machen), doch die grundlegenden Spielregeln haben sich in den letzten beiden Jahrtausenden nicht sonderlich geändert. Vatsyayana beschreibt in seinem Text die Regeln für Ernährung, Hygiene und Betragen in einer höfischen Gesellschaft.

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Überträgt man den altmodisch klingenden Rat von Vatsyayana hinsichtlich des regelmäßigen Wechselns der Unterwäsche und dem Rasieren der Schamhaare (beides empfehlenswert), erfahren wir daraus folgende Wahrheit: Eine gute persönliche Hygiene ist für guten Sex wichtig, obgleich es gelegentlich auch schwitzige Begegnungen am Strand oder nach einem Tag in den Bergen geben kann. So demonstriert man Respekt gegenüber dem Partner und sich selbst. Sie machen sicher nicht gerne mit jemandem Liebe, der den eigenen Körper so wenig respektiert, dass er ihn nicht sauber hält. Sauberkeit ist also auch für unseren metrosexuellen Mann des 4. Jahrhunderts wichtig.