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Jürgen Faik

Statistik für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler

Fachkorrektur von Dr. Regine Freudenstein











Einleitung

Warum dieses Buch?

Empirische Informationen und damit statistisches Wissen sind im Grunde genommen für alle Lebensbereiche essenziell. Ohne Daten ist keine Überprüfung bestehender Theorien, sozusagen kein „Lackmustest“ an der Realität möglich. Dies gilt natürlich auch für die Wirtschafts‐ und Sozialwissenschaften. Gerade hier erscheint das frühere Vorgehen „Theory without measurement“ völlig fehl am Platz. Wenn man etwa beurteilen möchte, ob sich die Konsumgewohnheiten beziehungsweise Lebensstile der unteren Einkommensschichten substanziell von denjenigen der oberen Einkommensschichten unterscheiden, kann man sich nicht – wie in der „reinen“ Mathematik – auf definitorische Zusammenhänge verlassen, sondern es bedarf der empirischen Überprüfung von Hypothesen. Dabei ähnelt das Vorgehen der statistischen Methoden in den Wirtschaftswissenschaften sehr stark dem in den klassischen Sozialwissenschaften wie Soziologie oder Politologie. Daher verwundert es, dass sich kaum ein Lehrbuch im deutschsprachigen Raum finden lässt, das beide Wissenschaftsbereiche – das heißt Wirtschafts‐ und Sozialwissenschaften – zusammen behandelt. Das vorliegende Lehrbuch möchte diese Lücke schließen.

Meine Leser

Ich habe dieses Buch in erster Linie geschrieben für Hochschul‐ sowie für VWA‐/IHK‐Angehörige, die Wirtschafts‐ beziehungsweise Sozialwissenschaften studieren und dort im Lauf ihres Studiums mit der statistischen Methodenlehre konfrontiert werden. Darüber hinaus enthält das Buch an einzelnen Stellen über derartiges Grundlagenwissen hinausgehende Informationen, sodass es durchaus auch im Vertiefungsstudium verwendet werden kann. Um Ihnen ein strukturiertes Lernen des klausurrelevanten Stoffes zu ermöglichen, ist das Buch in drei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil werden Ihnen statistische Grundlagen in Form der Datenerhebung und –auswertung auf einer allgemeinen Ebene vermittelt, ehe in den Teilen II und III mit der deskriptiven und der induktiven Statistik diejenigen Statistikbereiche angesprochen werden, die im Grundstudium typischerweise die entsprechenden Statistikvorlesungen strukturieren.

Nötiges Vorwissen

Sie müssen nicht viel Vorwissen mitbringen. Es sind lediglich mathematische Grundkenntnisse auf dem schulischen Niveau der Mittel‐ beziehungsweise Oberstufe vonnöten. Zur Wiederholung dieser Grundlagen sei auf mein kleines Mathe‐Büchlein „Wiley‐Schnellkurs Wirtschaftsmathematik“, Weinheim 2015, verwiesen.

Ziel des Buches

Sie werden damit vertraut gemacht, dass sich mit Hilfe der „Sprache“ der Mathematik beziehungsweise mit der ihres Teilgebiets der Statistik wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge leichter als ohne sie erschließen und auch verstehen lassen. Sie werden fundiert mit statistischem Rüstzeug versorgt, was Ihnen das Bestehen statistischer Prüfungen, so ist zumindest meine Hoffnung, deutlich erleichtert. Auch werden Ihnen die Grundlagen für eigenständiges empirisches und zugleich wissenschaftliches Arbeiten vermittelt.

Elemente in diesem Buch

Achtung

Statistik verleitet leicht zu Fehlinterpretationen. Sie kennen sicherlich die Frage: Wie lügt man am besten mit Statistik? Oder Sie kennen den Spruch: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Beim „Achtung‐Kasten“ geht es entsprechend vor allem darum, mit den dortigen Informationen zu vermeiden helfen, dass Sie in entsprechende Statistik‐Fallen tappen.

Beispiel

Viele Dinge lernen sich leichter, wenn sie mit Beispielen unterlegt werden. Dies macht die im vorliegenden Rahmen relevanten statistischen Zusammenhänge anschaulicher.

Fachbegriffe werden im Text fett, wenn sie an der betreffenden Textstelle besonders wichtig erscheinen, oder kursiv hervorgehoben.

Den SPSS‐Beispielen dieses Buchs liegt die SPSS®‐Version 22 zugrunde (Lizenz der Universität Vechta). Die SPSS‐Datenfiles stehen unter http://www.wiley‐vch.de/publish/dt/books/3‐527‐53038‐X zum Download bereit. Zum Lehrbuch gibt es einen Foliensatz, den Sie über die Dozentenseite des Verlags erhalten: http://www.wiley‐vch.de/textbooks/.

Teil I:
Statistische Grundlagen

In Teil I werden Ihnen statistische Grundlagen – sozusagen als „Warm up“ – auf einer allgemeinen Ebene dargeboten. Sie werden mit dem Thema der Statistik vertraut gemacht. Ich werde Ihnen zudem typische Anwendungsgebiete der Statistik im wirtschafts- beziehungsweise sozialwissenschaftlichen Bereich darlegen. Außerdem werde ich einige Worte zu den Möglichkeiten der Datenerhebung und -auswertung verlieren. Auf diese Art und Weise werden Sie notwendige Begriffe und einfache Zusammenhänge kennenlernen, die Ihnen die Lektüre der Kernteile II und III dieses Buchs deutlich erleichtern dürften.

1
Wirtschafts‐ und sozialstatistische Ausgangsbasis

In diesem Kapitel …

  • werden wir uns mit dem Begriff der Statistik auseinandersetzen,
  • wird auf wirtschafts‐ und sozialwissenschaftliche Anwendungsgebiete eingegangen,
  • werde ich Ihnen einige nationale und internationale Träger von Wirtschafts‐ beziehungsweise Sozialstatistik vorstellen.

Das erste Kapitel befasst sich mit grundlegenden Begrifflichkeiten und Gegebenheiten im statistischen Bereich. Die Begriffsklärung von Statistik beinhaltet neben ein paar historischen Anmerkungen vor allem Hinweise auf die Bedeutung der Statistik für andere Wissenschaftsdisziplinen. In diesen Zusammenhang passen auch die wirtschafts‐ und sozialwissenschaftlichen Anwendungsgebiete wie Bevölkerungs‐, Produktions‐ oder Preisstatistik sowie die Erörterung der amtlichen und nichtamtlichen Träger von Wirtschafts‐ und Sozialstatistik.

1.1 Begriff von Statistik

Ganz grob kann Statistik im wirtschafts‐ beziehungsweise sozialwissenschaftlichen Bereich als die Lehre von der Sammlung und Verarbeitung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Daten aufgefasst werden. Diese Verarbeitung umfasst sowohl die Aufbereitung als auch die Darstellung und Verdichtung der erhobenen Daten. Dies geschieht üblicherweise in quantitativer Form.

1.1.1 Historie der Statistik

Historisch betrachtet, ist die Statistik schon in der Antike vor allem durch Volkszählungen in Erscheinung getreten. Im 18./19. Jahrhundert wurde Statistik als Staatswissenschaft verstanden, die überwiegend als beschreibende Statistik im Sinne der Erörterung von für den Staatshaushalt wichtigen Tatbeständen (wie Steuerbemessungsgrundlagen) betrieben wurde. Elemente der Wahrscheinlichkeitsrechnung kamen zudem im Spätmittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit auf, und zwar im Zusammenhang mit der Analyse von Glücksspielen. Es wurden etwa für das Roulettespiel Gewinnwahrscheinlichkeiten berechnet. Dies diente dem Ziel, möglichst optimale Erfolgsstrategien für möglichst große individuelle Gewinne zu finden.

1.1.2 Bedeutung von Wirtschafts‐ und Sozialstatistik

Durch die Entwicklung der – in Abschnitt 1.2 näher beschriebenen – Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen im 20. Jahrhundert gewann die Wirtschaftsstatistik an rasanter Bedeutung, da mit diesem Rechenwerk umfangreiche Datenerhebungen auf makroökonomischem Niveau einhergingen. Hinzu kam seit den 1960er‐Jahren der Bedeutungszuwachs an Befragungsdaten zu Wohlfahrtsaspekten, was die Analyse größerer Datenmengen auf der Individual‐ und Haushaltsebene ermöglichte. Diese Analysen wurden insbesondere auch dadurch gefördert, dass im informationstechnologischen Bereich exponentielle Sprünge hinsichtlich der Hardware (gerade in Bezug auf Prozessorleistung und Speicherkapazitäten) stattfanden.

1.1.3 Arten von Wirtschafts‐ und Sozialstatistik

Traditionell werden die deskriptive (beschreibende) und die induktive (schließende) Statistik voneinander unterschieden, worauf in den beiden nächsten Abschnitten noch eingegangen wird. Gerade in neuerer Zeit wird mitunter mit der explorativen Statistik noch eine dritte Statistikform genannt – sozusagen als Zwischenform zwischen der beschreibenden und der schließenden Statistik. Bei ihr geht es im Sinne des sogenannten Data mining darum, Unterschiede zwischen Daten in verschiedenen Datenbeständen aufzuspüren, um letztlich die erhaltenen statistischen Befunde auf ihre Robustheit hin untersuchen zu können. Da dieses Gebiet aber keine wesentlich anderen Methoden als die deskriptive und die induktive Statistik verwendet, wird es im Folgenden nicht gesondert besprochen.

Einen theoriegeleiteten Anwendungsbezug der induktiven Statistik stellt ferner in den Wirtschafts‐ und Sozialwissenschaften die Ökonometrie dar. Einen entsprechenden Anwendungsbezug findet man im Übrigen auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen, so zum Beispiel in der Biologie mit der Biometrie als Verbindung von Statistik und Biologie.

1.1.3.1 Deskriptive Statistik

Wie der Name bereits andeutet, geht es bei der deskriptiven Statistik um die Beschreibung – in unserem Fall – wirtschafts‐ und sozialwissenschaftlicher Sachverhalte. Die entsprechenden Sachverhalte sollen übersichtlich mit Hilfe geeigneter Kenngrößen, mit Tabellen und/oder Grafiken dargestellt werden. Man spricht deshalb auch von Informationsverdichtung oder – was das Gleiche ist – von Komplexitätsreduktion. Teil II des Buchs ist der deskriptiven Statistik gewidmet.

1.1.3.2 Induktive Statistik

Der induktiven Statistik liegen Stichprobenwerte zugrunde. Dies heißt, dass aus der Gesamtmasse an Informationen zu einem Sachverhalt (aus der sogenannten Grundgesamtheit) in geeigneter Weise (etwa durch Zufallsauswahl) einzelne Informationen beziehungsweise Daten ausgewählt werden. Dies geschieht unter anderem aus Kostengründen, da zum Beispiel die Befragung der Gesamtbevölkerung zu allen möglichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sachverhalten kostenintensiv, aber auch zeitaufwändig ist.

Da man letztlich an repräsentativen Aussagen über die Gesamtmasse an Informationen interessiert ist, wird versucht, mittels geeigneter statistischer Verfahren von den Stichprobenwerten auf die Gesamtmasse zu schließen. Da hierbei ein gewisses Maß an Unsicherheit verbleibt (etwa aufgrund des Stichprobendesigns), muss an dieser Stelle mit Wahrscheinlichkeiten gearbeitet werden. Dies bedeutet, dass man mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit von den Stichprobenwerten auf die statistische Gesamtmasse schließt. Daher ist die induktive Statistik zugleich auch Wahrscheinlichkeitsrechnung oder mit einem Fremdwort: Stochastik. Wir werden uns in Teil III des Buchs ausführlich mit der induktiven Statistik beschäftigen. In diesem Zusammenhang muss die zugrunde liegende Grundgesamtheit im Übrigen nicht unbedingt endlich sein; sie kann auch hypothetisch sein, wie zum Beispiel die Anzahl an Schadensfällen bei der Kalkulation von Versicherungsbeiträgen.

1.1.3.3 Ökonometrie

Die Ökonometrie stellt eine Verbindung aus induktiver Statistik und ökonomischer Theorie dar. Bestehende ökonomische Theorien werden in mathematische Gleichungen „gegossen“. Diese Gleichungen werden dann mit geeigneten Schätzverfahren einer empirischen Überprüfung zugeführt. Dabei ist es die Aufgabe des Forschers, die Kausalzusammenhänge in für ihn plausibler Weise vorab zu formulieren.

Je nach Fragestellung – ob auf der Makro‐ oder auf der Mikroebene, ob für einen bestimmten Zeitpunkt oder für einen bestimmten Zeitraum – existieren unterschiedliche Schätzmethoden. Diese Schätzmethoden beinhalten auch Hypothesentests, das heißt statistische Verfahren, mit deren Hilfe bestimmte theoretische Aussagen empirisch auf ihre Relevanz hin überprüft werden. Kapitel 17 in Teil III des Buchs setzt sich mit Grundfragen der Ökonometrie auseinander.

1.1.4 Statistische Einheiten

Als statistische Einheiten bezeichnet man im Bereich der Wirtschafts‐ und Sozialwissenschaften die an einer statistischen Untersuchung teilnehmenden Einheiten. Das können Personen, Haushalte oder Organisationen, aber auch zum Beispiel Städte oder Länder sein.

1.1.4.1 Bestands‐ und Bewegungsmassen

Betrachtet man die statistischen Einheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt, spricht man von einer statistischen Bestandsmasse. Werden hingegen Veränderungen bezüglich der Eigenschaften der statistischen Einheiten über die Zeit hinweg betrachtet, liegt eine statistische Bewegungsmasse vor. Alternativ werden vielfach für Bestands‐ und Bewegungsmasse auch die Begriffe Querschnitt und Längsschnitt genutzt.

Zwischen den Größen Bestands‐ und Bewegungsmasse besteht folgender Zusammenhang:

End‐ und Anfangsbestand sind dem Begriff Bestandsmasse, Zu‐ und Abgänge dem Begriff Bewegungsmasse zuzuordnen.

1.1.4.2 Merkmale und Merkmalsausprägungen

Die interessierenden Eigenschaften der statistischen Einheiten heißen Merkmale, sodass die statistischen Einheiten entsprechend auch Merkmalsträger heißen. Die Merkmale können in verschiedene Merkmalsausprägungen gegliedert werden. So ist zum Beispiel das Geschlecht ein Merkmal mit den Ausprägungen „männlich“ und „weiblich“.

Anstelle von Merkmalen und Merkmalsausprägungen spricht man auch von Variablen und ihren Ausprägungen beziehungsweise ihren Werten. Variablen sind durch numerische Ausdrücke gekennzeichnet. Entsprechend könnte die Variable „Geschlecht“ etwa aus den numerischen Ausdrücken „0“ (für „männlich“) und „1“ (für „weiblich“) bestehen.

Bestimmte Variablen können direkt beobachtet werden (wie die Augen‐ oder die Haarfarbe einer Person sowie im Grunde genommen auch deren Geschlecht); sie heißen manifeste Variablen. Andere Variablen wie etwa „Lebenszufriedenheit“ oder „Arbeitsleistung“ sind hingegen nicht direkt beobachtbar, und man nennt sie latente Variablen. Hier muss ein Statistiker eine geeignete Variable konstruieren, um die entsprechenden Sachverhalte messbar zu machen – man spricht von Operationalisieren. Bei der Lebenszufriedenheit könnte eine solche Operationalisierung etwa darin bestehen, dass man den statistischen Einheiten eine Skala von „0“ bis „10“ vorlegt und sie angeben sollen, wo sie auf dieser Skala ihre Lebenszufriedenheit verorten. Zur Messung der Arbeitsleistung – um ein weiteres Beispiel zu geben – könnte ein Indikator „gebaut“ werden, in den verschiedene psychische und physische Anforderungen an die relevanten Tätigkeiten – zum Beispiel auf Basis von Experteneinschätzungen – eingehen.

In sozialpsychologischen Laborexperimenten weist man bestimmten Variablen den Begriff „Stimulus“ und anderen Variablen den Begriff „Response“ zu. Es geht hierbei darum, Ursache‐Wirkungs‐ beziehungsweise Reiz‐Reaktions‐Muster offenzulegen. Zum Beispiel könnte untersucht werden, wie Menschen bei bestimmtem Verhalten auf eine Bestrafung reagieren, das heißt: ob sie ihr Verhalten durch die Bestrafung verändern. Würde zum Beispiel der Kauf eines bestimmten Gutes im Experiment mit einer Strafzahlung sanktioniert, könnte sich dies gegebenenfalls in einer Vermeidung des Kaufs dieses Gutes äußern. Die Variable „Strafzahlung“ wäre der Stimulus, und die Kaufentscheidung der Person (nach der Sanktionierung) stellte den Response dar.

1.1.5 Vorgehen statistischer Untersuchungen

Statistische Untersuchungen bestehen in der Regel aus einem Dreiklang:

  • der Datenerhebung,
  • der Datenverarbeitung und
  • der Dateninterpretation.

Ganz grundsätzlich geht es um die Erhebung und Verarbeitung von Informationen. Unter Informationen kann die Ordnung von Daten im Sinne rohen Faktenmaterials verstanden werden. In diesem Sinne sind Informationen auf bestimmte Sachverhalte gerichtetes, das heißt zweckbezogenes Wissen.

Beziehen sich diese Sachverhalte in irgendeiner Weise auf wirtschaftliche beziehungsweise gesellschaftliche Aspekte, sind hiermit die Spezialfälle der Wirtschafts‐ und der Sozialinformationen beziehungsweise der Wirtschafts‐ und Sozialdaten gemeint. Wirtschaftsinformationen sind etwa Finanz‐, Markt‐ und Branchen‐, Produkt‐ und Technologie‐, Firmen‐ oder ökonomisch‐politische Informationen. Sozialinformationen können beispielsweise gesellschaftliche Werthaltungen oder Einschätzungen, Angaben zu Lebensformen und zur Sozialstruktur eines Landes sowie Werte für die Lebenszufriedenheit beziehungsweise für die Zufriedenheit in bestimmten Lebensbereichen sein.

1.2 Wirtschafts‐ und sozialstatistische Anwendungsgebiete

Im Grunde genommen können alle Bereiche des Lebens statistisch erfasst werden. In unserem Zusammenhang sind vor allem Analysen zu Wohlstand beziehungsweise Wohlfahrt, das heißt zu den Lebensbedingungen ebenso wie zum Verhalten von Menschen von Bedeutung. Diese Analysen sind nicht zuletzt für gezielte (sozial‐)politische Maßnahmen bedeutsam. Nachfolgend werden auszugsweise relevante Statistiken auf wirtschaftlichem beziehungsweise gesellschaftlichem Gebiet dargelegt.

1.2.1 Bevölkerung

Die Bevölkerungsstatistik ist in vielfältiger Weise für zielgerichtetes politisches Handeln von Interesse. Insbesondere interessieren die vergangene und die künftige Entwicklung der Bevölkerungsgröße und ‐struktur, etwa um das künftige Wirtschaftswachstum, Steueraufkommen und Transfervolumen in einer Gesellschaft beurteilen zu können.

Dabei kann die Veränderung der Bevölkerungsgröße in drei Elemente aufgespalten werden:

  • in die Entwicklung der Geburtenzahlen,
  • in die Entwicklung der Lebenserwartung und
  • in die Entwicklung der Migration.

Die Lebenserwartung gibt dabei Auskunft über die Sterblichkeit (Todesfälle) in einer Gesellschaft, sodass die Veränderung der Bevölkerung folgendermaßen dargestellt werden kann:

Die vorstehende Gleichung ist ein Beispiel für die Beziehung zwischen statistischen Bestandsmassen (Bevölkerungsbestand) und Bewegungsmassen (die anderen Größen in der vorstehenden Gleichung).

Neben der Entwicklung der Bevölkerungsgröße sind auch Änderungen in der Bevölkerungsstruktur bedeutsam, da auch sie Auswirkungen auf das politische Handeln haben (etwa in einer alternden Gesellschaft in Richtung erhöhter Rententransferzahlungen). Dabei wird nach verschiedenen soziodemografischen Merkmalen differenziert (zum Beispiel nach dem Alter, dem Geschlecht und der Staatsangehörigkeit).

1.2.2 Arbeitsmarkt

Vor allem in erwerbszentrierten Gesellschaften wie der bundesdeutschen spielen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zur Beurteilung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung eine große Rolle. Die nötigen Informationen hierzu liefert die Arbeitsmarktstatistik.

Typische Begrifflichkeiten sind in diesem Zusammenhang die Begriffe Erwerbstätiger und Arbeitsloser. Die in Beschäftigung stehenden Personen einer Gesellschaft werden als Erwerbstätige bezeichnet. Sie können nach Selbstständigen und abhängig Beschäftigten (Arbeiter, Angestellte, Beamte) weiter differenziert werden. Zusammen mit den als arbeitslos registrierten Personen bilden die Erwerbstätigen die Gruppe der Erwerbspersonen. Nimmt man noch die nichtregistrierten Arbeitslosen, die Angehörigen der sogenannten Stillen Reserve, hinzu, haben wir es mit dem Erwerbspersonenpotenzial zu tun.

Für die vorstehenden Personengruppen lassen sich verschiedene Quoten berechnen. Verbreitet sind der Ausweis der Erwerbstätigenquote im Sinne des Verhältnisses aus der Anzahl der Erwerbstätigen und der Zahl der erwerbsfähigen Personen ebenso wie der Ausweis der Arbeitslosenquote. Diese Quote spiegelt den Anteil der Arbeitslosen an allen Erwerbspersonen beziehungsweise – in einer alternativen Definition – an allen abhängigen Erwerbspersonen (das heißt an den Erwerbspersonen ohne die Selbstständigen) wider.

Auf der Basis der vorstehend erwähnten Begrifflichkeiten werden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in der Arbeitsmarktstatistik erfasst. Dabei geht es unter anderem um die Erfassung von Veränderungen im Niveau und in der Struktur von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit.

1.2.3 Wohlfahrtsmessung

Im Bereich individueller Wohlfahrt – im Sinne individuellen Wohlergehens – beziehungsweise beim individuellen Wohlstand sind verschiedene Indikatoren zur Beschreibung der Wohlfahrts‐ und Wohlstandsverteilung üblich. Für die Wohlstandsverteilung in einem Land, aber auch zwischen Gruppen beziehungsweise zwischen den Personen dieses Landes können etwa genutzt werden:

  • das Einkommen,
  • das Vermögen und
  • der Verbrauch an Gütern.

Neben derartigen objektiven Indikatoren werden mitunter auch subjektive Beurteilungsmaßstäbe genutzt, etwa die Einschätzung der eigenen Wohlstandslage beziehungsweise derjenigen anderer Personen. Dies geschieht etwa über die Messung der Lebenszufriedenheit beziehungsweise von Zufriedenheit in bestimmten Lebensbereichen. Auf diese Weise erhält man Hinweise auf das tatsächliche und das subjektiv wahrgenommene individuelle Wohlergehen in einem Land, woraus sich Schlussfolgerungen hinsichtlich einer angemessenen staatlichen Umverteilung von Ressourcen zwischen den Mitgliedern einer Gebietseinheit ziehen lassen.

1.2.4 Preise

Preisstatistiken sind nicht nur zur Beurteilung von Inflationstendenzen von Bedeutung, sondern auch zur Messung von Wohlstandsunterschieden zwischen und innerhalb von Gebietseinheiten. Dies ergibt sich daraus, dass die Verfügbarkeit über Güter ausschlaggebend für (individuellen) Wohlstand ist. Verwendet man zum Beispiel das Einkommen als Wohlstandsindikator, ist nicht nur die Höhe dieses Einkommens für die Menge der käuflichen Güter maßgeblich, sondern auch die Preise dieser Güter. Man dividiert daher üblicherweise das Einkommen durch die Inflationsrate, um eine Aussage über die tatsächliche Verfügbarkeit von Gütern treffen zu können.

Es gibt sehr viele Preisstatistiken in einer Volkswirtschaft – je nach zugrunde gelegter Gütergruppe. Man unterscheidet etwa die Außenhandels‐, die Erzeuger‐ oder die Verbraucherpreisstatistik voneinander. Auch diese Statistiken können noch weiter differenziert werden, etwa die Erzeugerpreisstatistik in die Preisstatistiken für Rohstoffe und andere Vorleistungen beziehungsweise für Endprodukte.

1.2.5 Umwelt

Die seit den 1970er‐Jahren verstärkt diskutierte Umweltproblematik hat dazu geführt, dass umweltpolitischen Zielen inzwischen in den meisten der wirtschaftlich entwickelten Länder ein eigenständiger Stellenwert zugewiesen wird. Es ist von einer „nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung“ die Rede. Dies bedeutet, dass durch eine schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen das Entwicklungspotenzial der künftigen Generationen möglichst nicht allzu sehr eingeschränkt wird.

Für eine derartige Zielsetzung bedarf es einer brauchbaren Datenbasis in Form von Umweltstatistiken. In Deutschland stellt das Statistische Bundesamt in diesem Zusammenhang Informationen in den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen zusammen. In deren Rahmen sollen die Beanspruchung, der Verbrauch, die Entwertung beziehungsweise die Zerstörung der natürlichen Ressourcen beziffert werden. Es werden beispielsweise die mit Umweltschutzmaßnahmen verbundenen Kosten berechnet.

1.2.6 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen dienen der übersichtlichen statistischen Erfassung und Darstellung abgelaufener gesamtwirtschaftlicher Vorgänge. Die für die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen typische Zusammenfassung (Aggregation) wirtschaftlicher Größen reduziert die Komplexität wirtschaftlicher Beziehungen, was aber zwangsläufig mit Informationsverlusten verbunden ist. Die Aggregation erfolgt in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen sowohl nach funktionalen als auch nach sektoralen Gesichtspunkten. Die funktionale Aggregation erstreckt sich im Wesentlichen auf die Entstehung, die Verteilung und die Verwendung der Produktion und der hiermit verbundenen Einkommen. Die sektorale Gliederung der Volkswirtschaft führt zu den Sektoren Unternehmen, Privathaushalte, Staat und Ausland.

1.3 Träger von Wirtschafts‐ und Sozialstatistik

Im Grunde genommen ist jeder, der Daten erhebt, ein Träger beziehungsweise Produzent von Statistik. Es wird typischerweise zwischen amtlicher und nichtamtlicher Statistik unterschieden, wobei die betreffenden Träger sich auf statistische Sachverhalte im Inland beziehen oder aber international vergleichend agieren.

1.3.1 Amtliche versus nichtamtliche inländische Statistik

Für verschiedene Fragestellungen liegen gesetzliche Grundlagen zur Produktion von Statistiken vor. In diesen Fällen werden die entsprechenden Daten üblicherweise von einer Behörde produziert. Man spricht dann von der amtlichen Statistik.

Die meisten entsprechenden Statistiken in Deutschland stammen vom Statistischen Bundesamt. Auf dessen Website http://www.destatis.de finden sich umfassende statistische Informationen zur Lebenswirklichkeit in Deutschland. Auch die oben erwähnten Umweltökonomischen und Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen werden für Deutschland seitens des Statistischen Bundesamts erstellt.

Des Weiteren sind an dieser Stelle Verwaltungsdaten zu nennen, die etwa von der Deutschen Rentenversicherung für den Bereich der gesetzlichen Rentenversicherung, von den Krankenkassen für die Bereiche gesetzliche Kranken‐ und Pflegeversicherung, von den Berufsgenossenschaften für die Unfallversicherung und von der Bundesagentur für Arbeit in Form der Arbeitsmarktstatistik zusammengestellt werden. Ein weiterer wichtiger Statistikträger ist in Deutschland für den Bereich des Geldwesens die Deutsche Bundesbank. Sie liefert unter anderem Informationen über die Geldvermögensbestände und die Kreditbeziehungen in der bundesdeutschen Volkswirtschaft.

Zum Teil haben die amtlichen Statistikträger eigene Forschungsdatenzentren gegründet, die der Wissenschaft anonymisierte Einzeldaten zur Verfügung stellen – in Form sogenannter Scientific Use Files. Zu nennen sind etwa die Datenzentren des Statistischen Bundesamtes, der Deutschen Rentenversicherung oder der Bundesagentur für Arbeit.

Werden Daten nicht auf gesetzlicher Grundlage erhoben, bezieht man sich auf die nichtamtliche Statistik. Hier sind in erster Linie durch die Wissenschaft selbst erhobene Daten anzuführen. Die entsprechenden Datenproduzenten sind Universitäten, Forschungseinrichtungen und so weiter. Eine große nichtamtliche Statistik ist in Deutschland das Sozioökonomische Panel, das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin erhoben wird. Es umfasst differenzierte Informationen über das materielle Wohlergehen (Einkommen, Vermögen, zum Teil auch Ausgaben) und auch über die immaterielle Lebenslage von Personen (zum Beispiel Zufriedenheitsmessungen) in Deutschland.

1.3.2 Internationale Organisationen

Auf internationaler Ebene sind im Bereich der amtlichen Statistik unter anderem die den nationalen Behörden übergeordneten Einrichtungen zu nennen. Beispiele hierfür sind Eurostat als dem Statistischen Bundesamt übergeordnete Behörde auf EU‐Ebene oder die Europäische Zentralbank, die der Deutschen Bundesbank ebenfalls auf EU‐Ebene vorsteht. Auch die Internationale Arbeitsbehörde (ILO; International Labour Office), die Weltbank, die Vereinten Nationen oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD; Organisation for Economic Cooperation and Development) sind bedeutende „Player“ bezüglich der Produktion von Wirtschafts‐ und Sozialdaten.

Als nichtamtliche Datenproduzenten sind auf der internationalen Ebene zum Beispiel Forschungsverbünde beziehungsweise ‐kooperationen zwischen Universitäten oder Forschungsinstituten verschiedener Länder tätig.

Übungsaufgaben

1.1

Gehen Sie auf mögliche statistische Untergliederungen ein.

1.2

Umreißen Sie die Begriffe Merkmal, Merkmalsträger und Merkmalsausprägung.

1.3

Welches sind die Wesensmerkmale der Bevölkerungsstatistik?

Auf einen Blick

  • Statistik ist die Lehre von der Erhebung, Verarbeitung und Interpretation von Daten.
  • Man unterscheidet im Wesentlichen zwischen der deskriptiven und der induktiven Statistik.
  • Statistische Einheiten sind die Träger von Merkmalen mit unterschiedlichen Merkmalsausprägungen.
  • Typische wirtschaftliche und soziale Statistikanwendungsbereiche sind die Bevölkerungs‐, die Arbeitsmarkt‐, die Preis‐ und die Umweltstatistik sowie die Produktions‐ und Einkommensstatistiken im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen; außerdem sind Messungen zum individuellen Wohlergehen zu nennen.
  • Träger von Wirtschafts‐ und Sozialstatistik sind amtliche und nichtamtliche Einrichtungen, und zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Rahmen.