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Warum

Mein Leben als Projekt

Es gibt viele Möglichkeiten, über ein Projekt zu sprechen. Das Leben als Projekt zu verstehen, mag etwas sonderbar klingen. Doch je mehr ich darüber nachdenke, umso deutlicher erkenne ich, dass genau dieses Prinzip sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Mein Leben ist nichts anderes als ein Aneinanderreihen von Lebensabschnitten, die man als Projekte bezeichnen kann.

Schwierige Geburt

Im August 1959, an einem heißen Sommertag, kam ich in Paris im 14. Arrondissement zur Welt. Sicher für meine Mutter eine schwierige Geburt. Allein in einem fremden Land, nicht verheiratet und nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Sie wurde von der eigenen Familie in Deutschland geächtet und vom französischen Staat drangsaliert. Nur, was treibt eine deutsche alleinstehende Frau nach Paris? Warum verlässt jemand seine Komfortzone und geht in ein fremdes Land? Ich hatte nie die Gelegenheit, diese Fragen meiner Mutter zu stellen. Sie verweigert Antworten bis heute. Aus den bruchstückhaften Erzählungen, die, warum auch immer, vieles im Dunkeln halten, habe ich mir einen eigenen Reim gemacht.

Die Mutter meiner Mutter – also meine leibliche Oma – starb bei der Geburt meiner Mutter. Mein Großvater stand nun da mit zwei kleinen Kindern. Mein Onkel – der Bruder meiner Mutter – war gerade zwei Jahre alt. Ich glaube, dass mein Großvater eher aus pragmatischen Gründen als aus Liebe seine zweite Frau geheiratet hat. Meine Stiefoma liebte wohl meinen Großvater. Diese Liebe wurde nie erwidert. So übertrug sie die nicht erwiderte Liebe auf meinen Onkel. Meine Mutter war das »Aschenputtel«. Nach ihren Erzählungen muss ihre Kindheit die Hölle gewesen sein. So stelle ich mir vor, dass sie damals die Flucht nach vorne angegetreten hat und in ein ihr völlig unbekanntes Land geflüchtet ist. Einfach nur weg von zu Hause.

In Paris lernte sie meinen Vater kennen. Zu dem Zeitpunkt wusste sie nicht, dass er bereits verheiratet war. Unerfahren und nicht aufgeklärt war sie auf einmal schwanger. Mein Vater wollte oder konnte seine damalige Frau nicht verlassen. Nun stand meine Mutter alleine da. Keinen Mann, keine Familie, die ihr den Rücken stärkte, und dann noch schwanger. Meine Geburt stand also nicht gerade unter einem guten Stern.

Erschwerend kam hinzu, dass es in den 50er-Jahren fast ein Verbrechen war, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen. Wenn dann in der Geburtsurkunde auch noch unter der Rubrik Vater »unbekannt« stand, war es für eine alleinstehende Mutter in einem fremden Land schwer, sich gegen die Gesetze zu wehren. So wurde ich direkt nach der Geburt der Mutter weggenommen und zu einer sogenannten »Nourrice« gebracht. Das sind Pflegeeltern, die oft eigene Kinder haben und fremden Kindern ein Zuhause geben. Wir Kinder unterschiedlicher Herkunft lernten früh, Kinderzimmer und Spielzeug zu teilen. Das Spielzeug gehörte uns allen. Neue Kinder waren jederzeit willkommen, und Regeln waren dazu da, das Miteinander für jeden gerecht zu gestalten. So wurde ich von Kindesbeinen an auf das Projekt »Leben« vorbereitet.

Meine Kindheit war bis zu meinem vierten Lebensjahr beschaulich. Ich wuchs liebevoll in einer Großfamilie auf, und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich durchaus länger bleiben können. Doch kennen Sie das? Sie fühlen sich wohl, sind glücklich und können sich gar nicht vorstellen, dass all dies auf einmal vorbei sein kann. Aber plötzlich ist alles durcheinander, und Sie wissen nicht, warum. Später erkennen Sie, dass es ein wichtiger Einschnitt in Ihrem Leben war, ein Einschnitt, um zu lernen und daran zu wachsen. So erging es mir.

1963 nämlich entschied sich meine Mutter, nach Deutschland zurückzukehren. Mich nahm sie mit. Ich wurde aus meiner Komfortzone rausgerissen und ging in eine für mich ungewisse Zukunft. Was meine Mutter bewogen hat, nach Deutschland zu gehen, weiß ich bis heute nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich der deutschen Sprache nicht mächtig war. Meine Muttersprache war französisch, und das einzige Wort, das ich auf Deutsch konnte, war: Onkel.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Mein erstes Projektziel war, meine Komfortzone zu verlassen.

Riskanter Eigensinn

In Deutschland angekommen, kam ich gleich zu Fräulein Butz. Fräulein Butz war ebenfalls eine Art Pflegemutter wie meine Nourrice in Frankreich. So weit, so gut. Doch ich verstand die Welt nicht mehr. Wieso kam ich wieder in fremde Hände? Wieso durfte ich nicht bei meiner leiblichen Mutter aufwachsen? Warum blieb nicht alles beim Alten? Fragen, die sich ein Kind intuitiv stellt. Da ich noch nicht in der Lage war, mich entspechend zu artikulieren, wurde ich bockig und aufsässig. Ich fand es überhaupt nicht cool, mir von einer fremden Person irgendetwas sagen zu lassen. Nee, nicht mit mir. So lernte ich schnell, das Wort »Nein« gezielt einzusetzen, und brachte damit Fräulein Butz und meine Mutter zur Weißglut.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Das zweite Projektziel war, eine neue Sprache zu lernen, ein fremdes Land mit einer mir fremden Kultur zu erkunden.

Nach knapp eineinhalb Jahren gab Fräulein Butz entnervt auf und die Pflegschaft für mich ab. Meine Mutter war ratlos. Ein aufsässiges Kind, mit dem nicht nur Fräulein Butz, sondern auch sie nicht fertig wurde. Was tun? Sie ersuchte beim Jugendamt um Unterstützung. Und was macht man mit aufsässigen und schwierigen Kindern? Genau, man steckt sie ins Kinderheim, damit sie dort Zucht und Ordnung lernen.

Es war für mich ungewohnt, mit so vielen Kindern meine Zeit zu verbringen. Aber es war immer was los. Überhaupt nicht gefallen haben mir die großen Schlafsäle mit den vielen Betten. Nie war ich für mich allein. Nie war es still. Immer herrschte ein Grundrauschen. Wenn es mir zu bunt wurde, bin ich einfach runter in den Keller gelaufen und habe mich vor die Waschmaschine gesetzt. Das Geräusch der drehenden Waschtrommel hatte etwas Beruhigendes.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Das dritte Projektziel war für mich das Einfügen in eine vorgegebene Teamstruktur. Und die Fähigkeit, sich in turbulenten Zeiten eine Auszeit zu nehmen. Denn oft sind externe Unternehmensberater / Projektleiter / Teilprojektleiter / Projektmitglieder in einem Großraumbüro untergebracht. Das sorgt für kurze Wege. Nachteil ist, dass vertrauliche Gespräche nicht stattfinden können und nichts unbeobachtet bleibt. Egal, was man tut!

Ich will, ich kann

1966 heiratete meine Mutter und holte mich aus dem Kinderheim. Das neue Spiel hieß nun: Vater, Mutter, Kind = Familienidylle. Nur, dass der Vater das Kind nicht mochte und das Kind den Vater nicht mochte. Meine Mutter stand dem Ganzen hilflos gegenüber. Ihre kleine heile Familienidylle wollte nicht so richtig funktionieren. Jetzt fühlte ich mich wie Aschenputtel. Außer Schule und Hausaufgaben gab es nur noch Pflichten, wie Schuhe und Bad putzen.

Meine Mutter ließ sich 1969 scheiden, und während der Scheidung kam meine Halbschwester zur Welt. Nach einem kurzen Aufenthalt irgendwo in einem kleinen Kaff zog meine Mutter mit uns nach Düsseldorf. Meine Schwester kam in die Obhut unserer Stiefoma – die Stiefmutter meiner Mutter – und ich kam wieder in ein Heim. Mittlerweile war ich geübt in puncto Umziehen und ständig wechselnden Bezugspersonen. Und ich traf für mich eine lebenswichtige Entscheidung:

Ich lasse mich nicht mehr von Fremden erziehen.

Das stellte ich dann auch gleich in diesem neuen Kinderheim unter Beweis. Wie schon in den vorherigen Heimen waren die Bezugspersonen Nonnen. Mittlerweile war ich knapp elf Jahre alt und hatte jede Menge Flausen im Kopf. Einer meiner vielen Flausen war eine Wette mit anderen Kindern, die da hieß: Wer traut sich, der Nonne den Schleier vom Kopf zu reißen? Wenn ich eins gelernt hatte, dann war es Mut und Unerschrockenheit. So nahm ich die Wette an. Es ging immerhin um 50 D-Mark. Viel Geld. Ich gewann die Wette und verlor meine Existenzberechtigung im Nonnenheim. Auch gut! Ab ins nächste Kinderheim.

Die nächsten zwei Heimstationen will ich Ihnen ersparen. Allein die letzten sechs Jahre füllen ein ganzes Buch. Eins kann ich nur sagen: Es war die Hölle. Wie alles hat auch die Hölle etwas Gutes: In der Hölle ist es warm. Wärme ist Energie. Diese Energie hat sich auf mich übertragen und mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Mein viertes Projektziel war, zu lernen, Stärke und Mut zu beweisen, einen eigenen Willen zu entwickeln und nicht alles einfach hinzunehmen. Mein Motto heute: Nur ich allein bin für mich verantwortlich.

Da ich ja schnell aus dem Heim raus wollte, musste ich wohl oder übel einem Ausbildungsplatz zustimmen, den meine Mutter für mich ausgesucht hatte: eine Lehre als Verkäuferin. Nicht gerade mein Traumberuf. Aber ich machte das Beste draus und bestand meine Abschlussprüfung mit Auszeichnung. Doch lange Arbeitszeiten und Samstagsarbeit waren nicht wirklich prall, Freizeitgestaltung in diesem Job nur begrenzt möglich. Nach der Lehre war mir klar: Hier muss ich schnellstens raus.

Ich fand eine Anstellung als Datentypistin. Auch nicht gerade das, was man einen Traum nennt. Aber immerhin hatte ich geregelte Arbeitszeiten. Da meine Gehirnzellen dort nur bedingt arbeiten mussten, brauchte ich dringend geistige Nahrung. So entschied ich mich, die Abendrealschule zu besuchen. Da ich meinen Hauptschulabschluss mit Bestnote bestanden hatte und ein Jahr auf die weiterführende Schule gegangen war, wurde mir dieses Jahr anerkannt. So konnte ich die Mittlere Reife in einem Jahr nachholen.

Doch was macht man(frau) mit einem nachgeholten Realschulabschluss? Weitermachen natürlich. Zwischenzeitlich hatte ich meine Stelle gewechselt. Als Sachbearbeiterin bei der Landesgewerbeförderungsstelle konnte ich mein Können unter Beweis stellen. Im Laufe der Jahre bekam ich immer mehr Verantwortung. Und hatte einen Traumchef! Er hat mich, wo er konnte, gefördert, und vor allem hat er mir keine Vorschriften gemacht. Mein Ehrgeiz kannte keine Grenzen. So ging ich abends auf das Wirtschaftsgymnasium und studierte später Betriebswirtschaft und Informatik. Nach erfolgreichem Abschluss schrieben wir schon das Jahr 1987. Nach zehn Jahren in dem gleichen Unternehmen stellte ich mir die Frage: Die nächsten 35 Jahre denselben Job machen? Das konnte ich mir nicht wirklich vorstellen.

Kommissar Zufall kam mir zu Hilfe. Der Telekommunikationsmarkt wurde privatisiert. Mit einer Blindbewerbung machte ich bei D2, heute Vodafone, auf mich aufmerksam. Mutig behauptete ich, dass Training mein Ding sei. Zumal ich während meines Studiums noch die Ausbildereignungsprüfung abgelegt hatte. D2 hat mich eingestellt. Jetzt konnte ich zeigen, was in mir steckt. Im Laufe der Zeit tingelte ich durch Deutschland und trainierte Mitarbeiter des Kundenservice in den acht Niederlassungen.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Das fünfte Projektziel war eine fundierte Ausbildung. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich mit einem Hauptschulabschluss nicht viel werden konnte. Mein starker Wille und meine Ausdauer haben mir dazu verholfen, die Bildung nachzuholen, die mir als Kind verwehrt worden war.

Doch einen Reisenden kann man eben nicht aufhalten. Zumal das Thema Veränderung und die Neugier auf neue Projekte offensichtlich mein roter Faden ist.

E-Plus kam als neuer Mobilfunkanbieter auf den Markt. Ein Headhunter sprach mich an, ich nahm die Chance wahr und wechselte. Wieder etwas Neues, Spannendes. Die Zentrale von E-Plus-Service war im Osten. Nach der Wende Aufbruchstimmung, wohin man schaute. Hier hieß es, Ärmel hochkrempeln und anpacken. Genau mein Ding. Verantwortlich war ich für Auftragsbearbeitung. Nachdem die Abteilung stand und die ersten Kunden vor der Tür warteten, konnte ich endlich meine eigene Abteilung Kundenservice in Köln übernehmen. Mit meinem Dreamteam, das ich handverlesen ausgesucht hatte, bauten wir einen Topservice auf. Da es für die Auftragsabteilung noch keinen adäquaten Nachfolger gab, habe ich die erste Zeit auch noch die Abteilung in Potsdam geleitet. Das hieß für mich: montags in Köln mit dem Team die Aufgaben durchsprechen und den Schreibtisch sichten. Dienstagmorgen flog ich dann nach Berlin und leitete interimsweise die Auftragsabteilung in Potsdam. Eine wundervolle Zeit. Jeder im Team kannte seine Aufgaben und Kompetenzen. Genauso wie ich es von meinem Chef aus der Landesgewerbeförderungsstelle gelernt hatte. Vertrauen in die Mitarbeiter und deren Können ist die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Das sechste Projektziel war, die Führung von Menschen zu lernen. Und zwar Menschen unterschiedlicher Herkunft. Die Mitarbeiter in Potsdam brauchten eine andere Form von Führung als die Mitarbeiter in Köln. Mit meinem Führungsstil stand ich oft zwischen den Fronten. Auf der einen Seite wurde von mir in Potsdam ein autoritärer Stil gefordert. In Köln hätte dieser Stil nicht funktioniert. Da wären die Mitarbeiter auf die Barrikaden gegangen. Eine Herausforderung, bei der ich viel lernen konnte.

Nach dem Motto, Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommt man geschenkt, war ich nicht überall im Unternehmen beliebt. Besonders meine männlichen Kollegen gönnten mir den Erfolg nicht. Auf dieses Spiel hatte ich überhaupt keine Lust. Also raus aus E-Plus und rein in eine neue Dimension. Die Konzern-Mutter Thyssen Telekom suchte einen Bereichsleiter für die Geschäftskunden. Mhmm, Festnetz war neu für mich, und es kribbelte mir in den Fingern. Also bewarb ich mich auf die Position und bekam den Job. Was ich nicht wusste: Festnetz ist so langweilig wie Schäfchen zählen. Das war nix für mich. Nach einem Jahr erhielt ich noch mal einen Anruf von einem Headhunter für Netcologne in Köln. Wieder waren es männliche Neider, die mir meinen Erfolg missgönnten.

Meine Abteilung war ruck zuck aufgebaut. Ein kompetentes Team stand in weniger als drei Monaten am Start. In den Montagmeetings mit den anderen Bereichsleitern habe ich mich am Jammern über zu viel Arbeit nicht beteiligt. Das war meinen Kollegen suspekt und sie soufflierten meinem Chef, dass da was nicht stimmt. So wurde ich in der Probezeit zum Geschäftsführer zitiert. Seine lapidare Aussage:

»Ich habe das Gefühl, dass Sie Ihren Job nicht im Griff haben. Deshalb kündige ich Ihnen in der Probezeit.«

Peng, das saß. Ich bin gekündigt worden. Eine völlig neue Erfahrung für mich. Jedes Nachfragen, woran er sein »Gefühl« denn festmache, wurde mit einer Handbewegung weggewischt. Die Kollegen haben ihm die Informationen zugetragen. Merkwürdig war nur, dass mein Diensthandy, Dienstwagen und Gehalt trotz zweiwöchiger Kündigungsfrist noch drei Monate gewährt wurde. Riecht das nicht nach schlechtem Gewissen?

Damit der Mut nicht müde wird

Was nun? Ich hatte die Nase voll von den vielen mittelmäßigen Chefs. Ich stand am Scheideweg meines Lebens. Entweder verkaufe ich alles und wandere aus – oder was? Ja, was will ich eigentlich? Ich wusste es nicht. Erst mal Urlaub machen, abschalten, Gedanken sortieren und dann weiterschauen. So flog ich nach Kreta und ließ meine Seele baumeln. Nach vier Wochen stand mein Entschluss: »Ich mache mich selbstständig.« Zurück aus dem Urlaub rief ich einen Freund an, der damals bei o.tel.o – heute Vodafone – in der IT als Berater arbeitete, und fragte ihn, ob er was für mich tun könnte. Er vermittelte mir einen Gesprächstermin. Tja, und was soll ich sagen? Meine Gesprächspartnerin war die Geschäftsführerin einer amerikanischen Unternehmensberatung. Mein Lebenslauf und die Führungserfahrung im Kundenservice-Umfeld beeindruckten sie. Vorsichtig fragte sie mich, ob ich denn unbedingt als Selbstständige arbeiten möchte. Meine Antwort kam prompt: »Nein. Wenn das Angebot stimmt, gehe ich auch wieder in eine Festanstellung.« Es ist unglaublich, aber wahr. Am späten Nachmittag hatte ich einen unterschriftsreifen Vertrag mit Top-Konditionen auf dem Tisch. Dem konnte ich nicht widerstehen und unterschrieb sofort.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Der Zeitpunkt, sich selbstständig zu machen, war noch nicht gekommen. Ich sollte das Beratergeschäft von der Pike auf lernen. Meine Aufgabe bestand darin, Konzepte zu erstellen, strategisch zu denken und diese Ergebnisse auch auf Papier zu bringen.

Nach zwei Jahren war ich des Tingelns durch die Weltgeschichte müde. Kaum Freunde, kaum Zeit für mich. Immer fremdbestimmt. An meinem 40. Geburtstag stand der Entschluss fest: Ich brauche eine Auszeit. So eine Art Sabbatical. Ich rief meinen Chef an und teilte ihm meine Entscheidung mit. Wenig erfreut nahm er meine Kündigung an. Ich fühlte mich auf einmal frei und überlegte schon, was ich alles mit meiner freien Zeit machen wollte. Dann kam der Anruf von einem Kunden meines amerikanischen Arbeitgebers: »Jacqueline, hast du Lust, für unser Unternehmen ein Service Center aufzubauen und vorübergehend zu leiten?« Meine Antwort war: »Sorry, ich habe gerade gekündigt und bin nicht mehr für das Unternehmen tätig.«

Das kam dem Kunden sehr gelegen, und er bot mir den Job als Selbstständige an. Da war mir klar, die Zeit ist reif. Und die Auszeit muss warten.

Rückblickend sehe ich das heute so:

Chancen muss man erkennen, und sie vor allem ergreifen. Alles hat im Leben seine Zeit.

So viel zu meiner persönlichen Geschichte. Ich habe kein Einser-Abi, war nicht auf einer Elite-Universität und bin nicht von reichen Eltern für ein Jahr ins Ausland geschickt worden. Meine soziale Kompetenz habe ich im wirklichen Leben gelernt. Mein weiterer beruflicher Werdegang ist schnell erzählt:

1999 gründete ich die CCQ. Mein eigenes Unternehmen. Bis heute mein ganzer Stolz. Ich war und bin »selbst« und »ständig« und bestimme das Wann und Wie. Ein langer Weg liegt hinter mir. Und wieder stand ich an einem Scheideweg. Wieder war es ein runder Geburtstag, der mich innehalten ließ. 50 Jahre und ein bisschen weiser. Wieder kam die Frage auf, wie ich meine Zukunft gestalten will. Kennen Sie das? Sie stehen da, haben eigentlich alles erreicht und sollten zufrieden sein? Doch irgendwie merken Sie, dass es da noch etwas geben muss. So ist es mir ergangen. Ich spürte, dass ich das Projekt »Leben – Arbeiten« nicht voneinander abkoppeln konnte. Vielmehr waren die bisher gemachten Erfahrungen für mein Arbeitsleben wertvoll und bildeten das Fundament, um etwas »Neues« zu beginnen. Etwas, das mich zufrieden macht, etwas, das nachhaltig wirkt. Zusammenfassend habe ich für mich gültige Kernaussagen gefunden, die sowohl für das Privatleben als auch für das Arbeitsleben gelten:

1. Jeder Mensch ist ein Individuum und sollte auch als solches behandelt werden.

2. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, die ihn zu dem macht, was er ist. Meine Heimzeit hat mich geprägt. Gerade mit so vielen Kindern unter einem Dach bekam zum Beispiel das Thema Gerechtigkeit für mich einen hohen Stellenwert. Daher reagiere ich auf Ungerechtigkeiten vielleicht ein wenig extremer als andere.

3. Jeder Mensch hat das Recht, geachtet und respektiert zu werden.

4. Wenn Menschen zusammenleben oder -arbeiten, bedarf es Regeln, damit das Miteinander friedlich abläuft. Gerade in meiner Heimzeit hätte das Zusammenleben ohne Regeln nicht funktioniert.

5. Wenn verschiedene Kulturen und Sprachen zusammenkommen, sollte das als Bereicherung gesehen werden. Es dürfen, nach meiner Erfahrung, aber auf keinen Fall Kulturen und Sprachen per Order di mufti verordnet werden. Dann passiert genau das, was mir widerfahren ist. Ich musste Deutsch lernen, ob ich wollte oder nicht. Ich wurde bockig. Nur über Neugier und Wissensdurst kann jeder Einzelne sich das aus anderen Kulturen abschauen, was zu ihm persönlich passt.

6. Wenn Menschen eigensinnig sind und ihren eigenen Willen durchsetzen, sollte dies nicht als anstrengend empfunden werden. Solche Menschen sind oft innovativ und denken um die Ecke.

7. Menschen brauchen Mentoren, damit sie ihre Stärken voll entfalten können. Ich bin heute noch stolz auf meinen Chef aus der Landesgewerbeförderungsstelle. Er hat mich gefördert und meine Potenziale erkannt.

8. Menschen brauchen positive Vorbilder, damit sie sich orientieren können. Das gilt für Kinder wie für Erwachsene. Nach dem Motto: »Zeige mir deine Mitarbeiter, und ich sage dir, wie du dein Unternehmen führst!«

9. Last but not least: Jeder Mensch braucht ethische Grundpfeiler. Hier seien nur einige genannt:

   – Ehrlichkeit,

   – Zuverlässigkeit,

   – Respekt,

   – Achtung.

Damit habe ich die Kernbotschaften für mich formuliert. Doch was fange ich damit an? Finde ich diese Wegmarken menschlichen Handelns in der Arbeitswelt, die heute immer mehr in Projekte eingeteilt ist und wo Projekte zum guten Ton gehören, wieder? Vor dem Hintergrund meiner persönlichen und beruflichen Erfahrungen drängen sich Fragen auf:

Just in dem Moment, in dem ich mir diese Fragen stelle und über die Antworten nachdenke, schalte ich den Fernseher ein. Die Sendung »Monitor« strahlt am 18.11.2010 einen Bericht zum Thema Olympische Winterspiele 2018 aus. Für die Winterspiele 2018 hat sich die Stadt München beworben. Die Unternehmensberatung Deloitte plant hierfür Security-Kosten von 31,8 Millionen Euro ein. Die gleiche Unternehmensberatung hat bereits in der Vergangenheit die Security-Kosten (Gewährleistung der Sicherheit während der Olympiade) für die Winterspiele in Vancouver mit 109 Millionen Dollar geplant. Tatsächlich waren die Security-Kosten fünfmal so hoch und betrugen am Ende 567 Millionen Dollar. Für den Austragungsort in London 2012 haben sich die Bau- und andere Kosten in Milliardenhöhe schon jetzt verdoppelt.

Hier drängt sich die Frage auf: Warum sind die Kosten für München noch niedriger angesetzt als bei der Planung in Vancouver? Es handelt sich doch um die gleichen Winterspiele, oder? Wieso bekommt diese Unternehmensberatung, die sich in der Vergangenheit in Vancouver und in London bereits so verschätzt hat, überhaupt noch Aufträge?

Entsetzt hat mich vor diesem Hintergrund das Interview mit dem amtierenden Oberbürgermeister von München, Christian Ude. Der Reporter fragt ihn:

»Da wird von Ticketeinnahmen ausgegangen, da wird von Sponsorengeldern ausgegangen, die in der Vergangenheit einfach nicht erzielt wurden. Wie kommen Sie auf solche Zahlen?«

Christian Ude:

»Die Zahlen sind ja nicht von uns, sondern von externen Beratern, die die olympische Entwicklung sehr genau verfolgt haben.«

(Die Bewerbung Münchens scheiterte im Sommer 2011.)

Wie war das noch mal mit dem Thema Verantwortung? Neugierig auf mehr Informationen setze ich mich nach der Sendung an den Rechner und recherchiere zu dem Thema »Projektkosten«. Eine gigantische Zahl raubt mir schier den Atem:

Chaotische Projekte verursachen jährlich Schäden von zirka 140 Milliarden Euro allein im Euroraum. Das ist die offizielle Zahl. 140 Milliarden! In Zahlen ausgedrückt ist das eine 14 mit 10 Nullen:

140 000 000 000

Und wenn ich jetzt auf die mir zuvor gestellten Fragen zurückkomme, taucht eine zusätzliche, aber sehr elementare Frage auf:

Wer zahlt am Ende die Zeche?

Sie, lieber Leser, ich, wir alle. Doch wie können wir uns dagegen wehren?

Die Lösung: Indem wir alle unser Wissen anderen zur Verfügung stellen. Aufklärung betreiben. Beispiele aufzeigen, wie es nicht sein sollte. Genau das ist meine Motivation: Ich will mir das nicht mehr gefallen lassen. Ich will nicht mehr mitansehen müssen, wie unser hart verdientes Geld zum Fenster rausgeworfen wird. Ich will nicht tatenlos mitansehen müssen, wie tagtäglich Arbeitsplätze und damit Existenzen vernichtet werden.

Eine wahre Geschichte über die Verlogenheit in Projekten

In der Arbeitswelt kommen Menschen in Projekten zusammen. Sie alle haben die gleichen Bedürfnisse nach Anerkennung, Respekt und Achtung. Dieses Wissen muss wieder in den Vordergrund rücken. Dazu möchte ich beitragen. Ich möchte nachhaltig verändern. Ich möchte auf ein Lebenswerk zurückblicken und sagen können: Den Samen für die kleinen Pflänzchen habe ich gesät. Doch bevor ein Samen gesetzt werden kann, muss die Erde umgegraben und das Unkraut entfernt werden.

Meine persönliche Definition von Unkraut ist:

Genzenlose Gier nach Macht, Geld sowie jeglicher Lug und Betrug. Ich bin davon überzeugt, dass ich hier vielen Menschen aus der Seele spreche. Klar, ich bin nur ein kleines Rädchen in der komplexen Welt. Aber viele kleine Rädchen sind Teil eines Ganzen.

Wenn ich mein bisheriges Beraterleben Revue passieren lasse und ganz ehrlich bin, habe ich mich hin und wieder in Projekten gefragt: Wollen die überhaupt eine Veränderung? Oder brauchen die mich als Sündenbock? Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, klarer nach dem Auftrag zu fragen, und auch den Mut gehabt, lukrative Projektangebote abzulehnen. Doch auch ich bin nur ein Mensch. Und der macht Fehler. Oder soll ich besser sagen, dass Fehler dazu da sind, um Erfahrungen zu sammeln?

Meine letzte Erfahrung passt exakt zu meinem neuen Ziel, nämlich Aufklärung zu betreiben und Beispiele zu nennen, die eben kein Einzelfall, sondern an der Tagesordnung sind.

Des Kaisers neue Kleider oder: Viele Berater sind nackt

Doch lesen Sie selbst. Begleiten Sie mich und nehmen Teil an einer wahren Geschichte. Humor und Selbstironie kommen dabei nicht zu kurz. Klar könnte ich mit erhobenem Zeigefinger einen Fehler nach dem anderen aufzählen. Das ist nicht mein Stil. Bewusst verzichte ich auf jegliche Ratgeberrolle. Schon gar nicht möchte ich mich als allwissender Unternehmensberater aufspielen. Selbstkritisch wechsle ich in der folgenden Geschichte die Perspektive von der Beteiligten im Projekt zur Außenstehenden. Dabei blicke ich auf die eigene Rolle und auf die Themen im Projekt. Ihnen, lieber Leser, überlasse ich die Handlungsoptionen, die sich in diesem Projekt ergeben und die durchaus Allgemeingültigkeit haben können. An einigen Stellen schweife ich bewusst ab und zeige ein typisches Beispiel, humoristisch erzählt. Es ist aus dem Leben gegriffen und sicher dem einen oder anderen im Alltag schon untergekommen. Die Antworten auf meine zuvor gestellten Projektfragen finden Sie in den grau gekennzeichneten Kästen. Kommen Sie mit, nehmen Sie teil an meinem Auftrag und tauchen Sie ein in ein Projekt, das so oder ähnlich Ihnen bestimmt bekannt vorkommt.