Über den Autor

Patrick Lencioni ist Gründer und Vorsitzender von The Table Group, einer Firma, die Organisationen Ideen, Produkte und Dienstleistungen liefert, mit denen sie Betriebsabläufe, Teamwork und Engagement ihrer Mitarbeiter verbessern können. Lencionis Begeisterung für Unternehmen und Teams kommt in Schreiben, Reden und Beratungstätigkeit zum Ausdruck. Lencioni ist Verfasser mehrerer Bestseller, die sich zusammen über 3 Millionen Mal verkauft haben. Neben dem Schreiben berät Lencioni Geschäftsführer und ihre Managementteams, wie sie im Rahmen ihrer Geschäftsstrategie den inneren Zusammenhalt verbessern können. Die umfassende Gültigkeit seiner Führungsmodelle hat Lencioni einen breit gestreuten Kundenstamm beschert, der von Fortune-500-Unternehmen über Profisportvereine, das Militär, Non-Profit-Organisationen und Universitäten bis zu kirchlichen Institutionen reicht. Außerdem spricht Lencioni jedes Jahr vor Tausenden von Führungskräften auf Konferenzen weltweit tätiger sowie nationaler Organisationen.

Patrick lebt mit seiner Frau Laura und den vier gemeinsamen Söhnen Matthew, Connor, Casey und Michael in der San Francisco Bay Area.

Wenn Sie mehr über Patrick und die Produkte und Dienstleistungen seiner Firma The Table Group erfahren wollen, besuchen Sie bitte www.tablegroup.com.

Vorgeschichte

DecisionTech hatte seinen Standort in Half Moon Bay, einem landwirtschaftlich geprägten nebligen Küstenort jenseits der Hügel der San Francisco Bay. Streng genommen gehört das gar nicht mehr zum Silicon Valley, aber Silicon Valley ist nicht unbedingt in erster Linie ein geografischer, sondern eher ein kultureller Begriff. Und in dieser Hinsicht gehörte DecisionTech ohne jede Frage dazu.

DecisionTech hatte das erfahrenste – und teuerste – Führungsteam, das man sich nur vorstellen konnte, einen allem Anschein nach wasserdichten Geschäftsplan und mehr erstklassige Investoren, als sich ein junges Unternehmen nur wünschen kann. Selbst die vorsichtigsten Investoren rissen sich darum, hier Kapital anzulegen, und begabte Ingenieure reichten ihre Lebensläufe schon ein, bevor überhaupt Büroraum angemietet war.

Aber das war vor fast zwei Jahren gewesen, und das ist für ein Start-up-Unternehmen im Technologie-Sektor fast ein ganzes Leben. Nach den ersten euphorischen Monaten seines Bestehens begann das Unternehmen laufend Enttäuschungen zu erleben. Entscheidende Termine wurden nicht eingehalten. Wichtige Mitarbeiter unterhalb der Ebene der Geschäftsführung begannen unerwartet das Unternehmen zu verlassen. Die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Und dies trotz all dem ansehnlichen Vorsprung, den sich DecisionTech erarbeitet hatte.

Am zweiten Jahrestag der Unternehmensgründung verständigte sich der Vorstand dann einstimmig darauf, Jeff Shanley, den 37-jährigen Geschäftsführer und Mitgründer, um seinen Rücktritt zu „bitten“. Ihm wurde stattdessen die Leitung des Bereichs geschäftliche Entwicklung angeboten, und zur Überraschung seiner Kollegen nahm er diese Degradierung tatsächlich an, da er sich die potenziell hohe Ausschüttung nicht entgehen lassen wollte, die bei einem Börsengang des Unternehmens winkte. Und selbst im schwierigen geschäftlichen Umfeld des Silicon Valley hatte das Unternehmen alle Gründe, tatsächlich an die Börse zu gehen.

Keiner der 150 Mitarbeiter bei DecisionTech war von Jeffs Absetzung geschockt. Die meisten konnten ihn zwar persönlich gut leiden, aber es ließ sich auch nicht bestreiten, dass sich die Arbeitsatmosphäre unter seiner Leitung doch arg verschlechtert hatte. Intrigen unter Managern waren zur Kunstform geworden. Es herrschte keine Einigkeit und Kameradschaft im Team, was zu gedämpftem Engagement führte. Alles, was zu erledigen war, dauerte immer viel zu lange, und auch dann wirkte es immer noch unausgegoren.

Mancher Vorstand hätte womöglich mehr Geduld gehabt mit einem Management-Team, das außer Tritt geraten war. Bei DecisionTech war das nicht der Fall. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel und das Profil war viel zu gut, um das Unternehmen unter Bürointrigen und Machtspielchen leiden zu lassen. DecisionTech hatte sich im Silicon Valley bereits den Ruf erworben, ein unangenehmer Arbeitsplatz zu sein, an dem fiese Machenschaften vorherrschten, und der Vorstand konnte sich eine solche Negativ-Publicity nicht leisten, zumal die Zukunft noch vor kurzer Zeit so rosig ausgesehen hatte.

Jemand musste für die schlechte Situation die Verantwortung übernehmen, und Jeff war der Mann an der Spitze. Alle wirkten erleichtert, als der Vorstand die Entscheidung bekannt gab ihn abzusetzen.

Bis drei Wochen später Kathryn eingestellt wurde.

Napa

Kathryn hatte sich als Ort des externen Workshops für das Napa Valley entschieden, weil das einerseits nah genug war, um eine zeit- und kostenaufwendige Anreise zu vermeiden, andererseits aber auch gerade weit genug weg, dass man sich außerhalb fühlte. Und ganz gleich wie oft man hier schon gewesen war, es ließ einen immer ein, zwei Gänge herunterschalten.

Das Hotel, in dem das Treffen stattfinden sollte, war eine kleine Herberge in Yountville. Kathryn hatte es da gefallen, weil die Preise außerhalb der Saison moderat waren und das Hotel nur über einen einzigen, aber komfortablen Konferenzsaal verfügte. Dieser lag im zweiten Stock und hatte einen Balkon, von dem man kilometerweit über Weinbauflächen blickte.

Das Treffen sollte um 9 Uhr starten, sodass die meisten Teilnehmer einigermaßen früh von zu Hause aufbrechen mussten, um pünktlich da zu sein. Schon um 8.45 Uhr waren alle eingetroffen, hatten eingecheckt und saßen am Konferenztisch. Bis auf Martin.

Zwar sagte niemand etwas dazu, aber die Art, wie alle immer wieder auf die Uhr blickten, zeigte doch, dass sich alle fragten, ob Martin wohl pünktlich da sein würde. Selbst Kathryn wirkte ein wenig nervös.

Sie wollte nicht, dass gleich die erste Aktion des Treffens darin bestehen müsste, einen Tadel wegen Zuspätkommens auszusprechen. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte sie sogar einen Anflug von Panik, als sie sich fragte, was sie wohl tun würde, wenn er nun überhaupt nicht aufkreuzte. Sie konnte ihn ja wohl schlecht entlassen, weil er zu einem Treffen nicht erschienen war, oder? Hätte sie dafür genug Rückhalt beim Vorstand? Wie wertvoll ist dieser Kerl letztlich?

Als Martin schließlich um 8.59 Uhr durch die Tür kam, stieß Kathryn einen unhörbaren Seufzer der Erleichterung aus und ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich so viele Sorgen gemacht hatte. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie jetzt endlich mit dem anfangen konnte, worauf sie nun schon fast einen Monat gewartet hatte. Und obwohl sie sich durchaus Gedanken um die Einstellung der hier um den Tisch Versammelten machte, musste Kathryn doch zugeben, das es nicht zuletzt Momente wie dieser waren, weswegen sie so gern Führungskraft war.

Die Ansprache

Martin nahm den letzten verbliebenen Platz ein, am Ende des Konferenztischs, Kathryn direkt gegenüber. Kaum hatte er Platz genommen, holte er auch schon seinen Laptop hervor und platzierte ihn vor sich auf dem Tisch, ließ ihn aber erst einmal geschlossen.

Entschlossen, sich nicht ablenken zu lassen, lächelte Kathryn ihren Stabsmitgliedern zu und sprach sie ruhig und freundlich an.

„Guten Morgen zusammen. Ich möchte zum Auftakt ein paar Worte sagen, und es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich sie sage.“ Niemandem war in diesem Moment klar, wie ernst es Kathryn mit dieser Bemerkung war.

„Wir haben ein erfahreneres und begabteres Managementteam als alle unsere Mitbewerber. Uns stehen mehr Finanzmittel zur Verfügung. Dank Martin und seinem Team haben wir die besten technischen Voraussetzungen. Und wir haben den schlagkräftigsten Vorstand. Und trotz all dem liegen wir im Moment in puncto Umsatz und Kundenwachstum hinter zwei unserer Wettbewerber zurück. Kann mir einer von Ihnen sagen, woran das liegt?“

Schweigen.

Kathryn fuhr fort, immer noch so freundlich wie zu Beginn: „Nachdem ich Gespräche mit allen Vorstandsmitgliedern geführt, Zeit mit jedem von Ihnen verbracht und auch mit den meisten Mitarbeitern unseres Hauses gesprochen habe, ist mir voll und ganz klar, wo unser Problem liegt.“ Sie machte eine Pause, bevor sie ihren Gedanken zu Ende führte: „Wir funktionieren nicht als Team. Genauer gesagt sind wir sogar ziemlich dysfunktional.“

Einige Stabsmitglieder blickten in Richtung Jeff, um zu sehen, wie der reagierte. Er schien sich aber okay zu fühlen, trotzdem reagierte Kathryn auf die Spannung.

„Ich sage das nicht in Richtung Jeff oder von sonst jemand Bestimmtem. Es ist einfach eine Tatsache. Eine Tatsache, um die wir uns in den kommenden zwei Tagen zu kümmern beginnen werden. Ja, und ich weiß auch, wie lächerlich und unglaublich Sie es finden, diesen Monat so viele Tage nicht im Büro zu sein. Aber wenn wir mit all dem hier durch sind, wird jeder, der dann noch da ist, verstanden haben, warum das so wichtig war.“

Bei der letzten Bemerkung horchten alle auf. „Ja, so ist das. Ich möchte gleich zu Beginn ganz deutlich sagen, dass es bei DecisionTech in den nächsten Monaten einige Veränderungen geben wird, und es kann sehr gut sein, dass danach nicht jeder von uns noch das Gefühl haben wird, dass dieses neue Unternehmen der Ort ist, an dem er gern sein möchte. Das ist jetzt keine Drohung und auch kein dramatischer Effekt, und ich habe auch niemand Besonderes im Sinn. Es ist nur eine realistische Wahrscheinlichkeit und nichts, was man abstreiten sollte. Wir haben alle exzellente Einstellungschancen, und es würde für keinen von uns das Ende der Welt bedeuten zu gehen, wenn es für das Unternehmen das Richtige ist – oder für das Team.“

Kathryn stand auf und ging zu der weißen Kunststofftafel, wobei sie darauf achtete, dass sie nicht arrogant oder herablassend wirkte: „Wenn sich einige von Ihnen fragen sollten, was das hier eigentlich alles soll, dann möchte ich Ihnen versichern, dass es bei allem, was wir hier tun, nur um ein einziges Thema gehen wird: das Unternehmen zum Erfolg zu führen! Sonst nichts. Wir werden uns hier nicht etwa von Bäumen fallen lassen und gegenseitig auffangen.“

Einige ihrer Stabsmitglieder grinsten.

„Und wir werden hier auch ganz bestimmt nicht Händchen halten, Lieder singen oder uns nackt ausziehen.“

Selbst Martin musste jetzt grinsen, während die anderen laut lachten.

„Ich versichere Ihnen, dass wir nur aus einem einzigen Grund auf diesem externen Workshop und bei diesem Unternehmen sind: um Ergebnisse zu erzielen. Das ist nach meiner Überzeugung der einzige Maßstab für ein Team, und das wird bei allem im Fokus stehen, was wir heute tun und so lange ich da bin. Ich gehe davon aus, dass wir im nächsten und übernächsten Jahr auf Umsatzwachstum, Profitabilität sowie treue und zufriedene Kunden zurückblicken können und vielleicht sogar, sofern es der Markt hergibt, auf eine erste Aktienemission. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir von all dem nichts erreichen werden, wenn wir nicht zuvor die Probleme lösen, die uns daran hindern, als Team aufzutreten.“

Kathryn machte eine Pause, um allen Zeit zu geben, diese einfache Botschaft zu verdauen, und fuhr dann fort: „Wie werden wir dabei vorgehen? Ich bin im Laufe der Jahre zu dem Schluss gekommen, dass es fünf Gründe gibt, warum Teams dysfunktional sind.“

Dann zeichnete sie ein Dreieck an die Tafel, das sie mit vier horizontalen Linien unterteilte, sodass fünf einzelne Sektoren entstanden.

Dann wandte sich Kathryn wieder an die Gruppe: „Im Lauf der kommenden zwei Tage werden wir dieses Schema ausfüllen und uns nacheinander mit jedem der fünf Themen befassen. Und Sie werden schnell feststellen, dass es dabei nicht um höhere Mathematik geht. Auf dem Papier wird es sogar bemerkenswert einfach aussehen. Der Trick besteht darin, es in die Praxis umzusetzen.

Jetzt würde ich gern mit der ersten Dysfunktion beginnen: Fehlendes Vertrauen.“ Sie drehte sich um und schrieb „Fehlendes Vertrauen“ in das untere Feld des Dreiecks.

 

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Die Stabsmitglieder lasen die Worte leise mit und die meisten runzelten dabei die Stirn, so als wollten sie sagen: Mehr haben Sie nicht zu bieten?

Daran war Kathryn gewöhnt, und sie fuhr fort: „Vertrauen ist die Grundlage echter Teamarbeit. Bei der ersten Dysfunktion handelt es sich also um einen Mangel darin, die anderen Teammitglieder zu verstehen und sich füreinander zu öffnen. Sollte sich das etwa gefühlsduselig anhören, dann lassen Sie mich das bitte erklären, denn da ist nichts Gefühliges dabei. Es ist ein absolut entscheidendes Element für die Bildung eines Teams. Genauer gesagt ist es wahrscheinlich das entscheidendste.“

Einige der im Raum Versammelten brauchten hier ganz eindeutig eine Erklärung.

„Richtig gute Teams halten nichts voreinander zurück“, sagte sie. „Sie haben keine Angst, sich zu entblößen. Sie geben ihre Fehler, ihre Schwächen, ihre Sorgen zu, ohne dabei Angst vor Vergeltungsmaßnahmen zu haben.“

Die meisten Stabsmitglieder schienen diesen Punkt zu akzeptieren, allerdings ohne großen Enthusiasmus.

Kathryn führte weiter aus: „Tatsache ist: Wenn wir uns gegenseitig nicht vertrauen – und so sieht es hier für mich aus –, dann können wir nicht die Art Team werden, das letztlich Ergebnisse erzielt. Und deshalb werden wir uns auf diesen Punkt als Erstes konzentrieren.“

Rückschlag

Im Raum blieb es still, bis Jane die Hand hob.

Kathryn lächelte: „Ich war zwar mal Lehrerin, aber Sie müssen hier trotzdem nicht die Hand heben, wenn Sie etwas sagen wollen. Gehen Sie ruhig jederzeit dazwischen!“

Jane nickte und stellte ihre Frage: „Ich will ja hier nicht negativ sein oder Ihnen widersprechen, aber wieso meinen Sie denn, dass wir uns nicht vertrauen? Könnte es nicht sein, dass Sie uns einfach noch nicht so gut kennen?“

Kathryn dachte erst eine Weile über die Frage nach, weil sie eine wohlüberlegte Antwort geben wollte: „Tja, meine Einschätzung beruht auf einer ganzen Reihe von Daten, Jane. Entsprechende Bemerkungen des Vorstands, von Mitarbeitern, auch von etlichen von Ihnen selbst ...“

Jane schien mit dieser Antwort zwar schon zufrieden, aber Kathryn beschloss trotzdem noch fortzufahren: „Aber ich muss sagen, noch mehr als durch die Hinweise anderer sehe ich ein Vertrauensproblem hier in dem Mangel an Diskussionen, sei es bei Stabskonferenzen, sei es bei sonstigen Interaktionen des Teams. Aber ich möchte hier nicht vorgreifen, das ist noch mal ein ganz eigener Teil des Modells.“

Nick wollte das so nicht stehen lassen: „Aber das muss ja wohl nicht unbedingt heißen, dass es hier an Vertrauen fehlt, oder?“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Alle im Raum, einschließlich Martin und Mikey, warteten gespannt auf Kathryns Reaktion.

„Nein, nicht notwendigerweise, würde ich sagen.“

Nick war fürs Erste zufrieden, weil seine Anmerkung als richtig eingestuft worden war.

Bis Kathryn klarstellte: „Theoretisch, wenn alle auf genau demselben Stand wären und ohne alle Missverständnisse im Gleichschritt auf dasselbe Ziel zumarschierten, dann könnte es wohl sein, dass fehlende Diskussionen kein schlechtes Zeichen wären.“

Mehr als ein Teilnehmer begann angesichts dieser Beschreibung, die so gar nicht auf sie zutraf, verlegen zu lächeln. Nicks Zufriedenheit war wieder dahin.

Kathryn richtete ihre Erläuterungen auch weiter an ihn: „Aber ich muss sagen, dass es in jedem effektiven Team, das ich kennengelernt habe, immer ein beträchtliches Maß an Diskussionen gab. Selbst in den vertrauensvollsten Teams lief immer mal etwas durcheinander.“ Nun richtete sie eine Frage an die übrigen Anwesenden: „Wie kommt es denn Ihrer Meinung nach, dass es in dieser Gruppe so wenig engagierte Debatten oder Diskussionen gibt?“

Erst sagte keiner etwas, und Kathryn ließ sie in dieser unbehaglichen Stille schmoren. Dann murmelte Mikey etwas vor sich hin.

„Sorry Mikey, ich habe Sie nicht verstanden.“ Kathryn tat ihr Möglichstes, sich ihre Abneigung gegen sarkastische Bemerkungen, die sie im Lauf ihrer Arbeit mit Siebtklässlern entwickelt hatte, nicht anmerken zu lassen.

Mikey erklärte jetzt lauter: „Dafür haben wir doch gar nicht die Zeit. Wir haben doch alle viel zu viel zu tun, um langatmige Diskussionen über Kleinigkeiten zu führen. Wir ersticken doch auch so schon in Arbeit!“

Kathryn hatte das Gefühl, dass vielleicht nicht alle mit Mikey einer Meinung wären, aber sie fragte sich, ob es wohl einer fertigbringen würde, sie herauszufordern und ihr zu widersprechen. Sie wollte das gerade schon selber tun, als Jeff vorsichtig einwandte: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da ganz folgen kann, Mikey. Ich glaube nicht, dass uns die Zeit fehlt, uns auseinanderzusetzen. Ich denke eher, wir fühlen uns nicht wohl dabei, einander zu widersprechen. Und ich weiß nicht, woran das liegt.“

Mikey antwortete sofort und schnippisch: „Vielleicht weil unsere Konferenzen immer viel zu durchstrukturiert und langweilig sind!“

Die Mutter in ihr drängte Kathryn einzuschreiten und Jeff in Schutz zu nehmen, zum Teil auch aus Dank, weil er den Mut aufgebracht hatte, etwas gegen Mikey zu sagen. Aber sie beschloss, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Nach einer Weile meldete sich Carlos ruhig zu Wort, jedoch ohne sich direkt an Mikey zu wenden, sondern als hätte die ganze Gruppe die Bemerkung gemacht: „Jetzt mal halt! Ich finde zwar auch, dass die Konferenzen immer etwas langweilig sind und die Tagesordnung meist ein bisschen zu vollgepackt ist. Aber ich finde, wir hätten uns schon alle ein bisschen mehr widersprechen und uns gegenseitig herausfordern können. Wir sind ja wohl wirklich nicht immer alle einer Meinung!“

Nick schaltete sich ein: „Ich würde eher sagen, wir sind nie einer Meinung!“

Alle lachten – bis auf Martin, der seinen Laptop aufgeklappt und eingeschaltet hatte.

Kathryn mischte sich in die auflebende Diskussion ein: „Sie sind sich also in den meisten Punkten uneins, und trotzdem scheinen Sie es nicht zugeben zu wollen, wenn Sie Bedenken haben. Also ich bin zwar kein Doktor der Psychologie, aber wenn das keine Frage von Vertrauen ist, dann weiß ich auch nicht.“ Einige Köpfe im Raum nickten nun tatsächlich zustimmend in Kathryns Richtung, und das war etwas, wonach sie lechzte wie ein Verhungernder nach einem Stück Brot.

Und dann begannen die Tipp-Geräusche. Martin, der sich nun völlig aus der Diskussion ausgeklinkt hatte, hackte auf seine Tastatur ein wie ein, nun ja, wie ein Computerprogrammierer halt. Von dem Geräusch abgelenkt, schauten alle eine Nanosekunde lang zu Martin hinüber. Und das reichte, um der Diskussion ihren gerade gewonnenen Schwung wieder zu nehmen.

Kathryn hatte diesen Moment ebenso herbeigesehnt wie gefürchtet, seit sie ihre erste Stabskonferenz beobachtet hatte. Und so gern sie auch einen weiteren Zusammenstoß mit Martin vermieden hätte, noch dazu so früh am ersten Tage, so sehr war sie doch auch entschlossen, die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Eintritt in die Gefahrenzone

Die Spannung im Raum wuchs, als Kathryn Martin beobachtete, der auf der anderen Seite des Tisches vor sich hintippte. Niemand rechnete damit, dass Kathryn wirklich etwas sagen würde. Aber da kannten sie Kathryn schlecht.

„Entschuldigen Sie bitte, Martin!“

Martin tippte zu Ende und sah auf, um seine Chefin zur Kenntnis zu nehmen.

„Arbeiten Sie da an irgendetwas?“, fragte Kathryn ernsthaft und ohne eine Spur von Sarkasmus.

Im Raum erstarb jede Bewegung, während alle gespannt die Antwort auf eine Frage erwarteten, die sie selbst schon seit zwei Jahren hatten stellen wollen.

Martin sah zunächst so aus, als wolle er überhaupt nicht antworten, dann sagte er „ich mache mir einfach Notizen“ und tippte weiter.

Kathryn blieb ruhig und fuhr in bedächtigem Ton fort: „Ich glaube, das ist ein guter Moment, um über ein paar Grundregeln für diesen externen Workshop und unsere künftigen Konferenzen zu sprechen.“

Martin sah von seinem Computer auf, und Kathryn fuhr, an die gesamte Gruppe gewandt, fort: „Ich habe nicht viele Regeln, was Besprechungen angeht. Aber es gibt ein paar, bei denen ich absolut pingelig bin.“

Alle warteten, dass sie fortfuhr.

„Im Wesentlichen erwarte ich von Ihnen zwei Dinge: anwesend zu sein und teilzunehmen. Das heißt, jeder soll sich hundertprozentig mit dem befassen, worüber wir gerade reden.“

Selbst Martin verstand, wann er ein Stück zurückrudern musste. Er stellte eine Frage, aber in einem leicht versöhnlichen Ton, den die Gruppe von ihrem Cheftechniker gar nicht kannte: „Was ist, wenn das Gespräch nicht für alle relevant ist? Manchmal macht es den Eindruck, wir sprechen über Themen, die besser offline zu besprechen wären. Im Gespräch eins zu eins.“

„Das ist ein guter Hinweis.“ Kathryn hatte Martin nun am Haken. „Sollte je der Fall eintreten, dass wir Themen besprechen, mit denen wir die Zeit der Gruppe nur verschwenden, Themen, die besser außerhalb der Konferenz besprochen werden sollten, dann würde ich jeden bitten, sich zu Wort zu melden.“

Martin wirkte zufrieden, dass sie ihm zugestimmt hatte.

Kathryn fuhr fort: „Aber in allen anderen Fällen möchte ich bitte, dass sich jeder voll und ganz einbringt. Und ich kann zwar verstehen, dass mancher lieber einen Computer als einen Notizblock benutzt, wie Sie, Martin, aber ich finde, das lenkt einfach zu sehr ab. Man kann sich leicht vorstellen, dass der Betreffende da E-Mails checkt oder an etwas anderem arbeitet.“

Mikey beschloss, Martin beizuspringen, was er weder wollte noch brauchte: „Kathryn, mit allem Respekt, aber Sie haben bisher nicht in der Hightech-Kultur gearbeitet, und das ist in Softwareunternehmen gang und gäbe. Ich meine, in der Automobilwelt vielleicht nicht, aber ...“

Kathryn unterbrach höflich: „Doch, das ist in der Automobilwelt sogar sehr verbreitet. Ich hatte den gleichen Fall auch da. Das ist mehr eine Frage des Verhaltens als der Technik.“

Jeff nickte und grinste, als wollte er sagen: Gute Antwort. Und darauf klappte Martin seinen Laptop zu und schob ihn ins Etui zurück. Mehr als eines der Stabsmitglieder schaute Kathryn an, als hätte sie gerade einen Bankräuber überredet, seine Waffe abzugeben.

Wäre der Rest des Tages nur auch so leicht!

Sich nackig machen

Kathryn war sich darüber im Klaren, dass jetzt ein eindeutig kritischer Teil der Sitzung bevorstand, der ihr einige Hinweise darüber liefern würde, wie sich die Dinge in den kommenden Monaten entwickeln könnten. Es war kein Zufall, dass dies die erste echte Übung auf dem Plan war.

„Bevor wir uns mit dem anstrengenden Teil befassen, würde ich jetzt gern erst einmal zu einem Punkt kommen, den ich ‹persönliche Geschichten› nenne.“

Kathryn erklärte, dass jeder fünf unaufdringliche persönliche Fragen beantworten solle, die mit ihrem jeweiligen Hintergrund zu tun hätten, und schloss ihre Erläuterungen mit einer humorvollen Warnung, bei der sogar Martin schmunzeln musste: „Denken Sie daran, ich möchte hier zwar gern etwas von Ihrem Leben als Kind erfahren, aber nichts von dem Kind in Ihnen.“

Einer nach dem anderen beantworteten die DecisionTech-Manager ihre Fragen. Heimatstadt? Zahl der Kinder in der Familie? Interessante Hobbys als Kind? Größte Herausforderung in der Jugendzeit? Erster Job?

Praktisch bei jedem enthielt die Liste der Antworten ein, zwei Juwelen, von denen die meisten anderen nichts gewusst hatten.

Carlos war das älteste von neun Kindern. Mikey hatte an der Juilliard School in New York Ballett studiert. Jeff war Batboy (eine Art jugendlicher Helfer) bei der Baseball-Mannschaft Boston Red Sox gewesen. Martin hatte einen großen Teil seiner Kindheit in Indien verbracht. JR hatte einen eineiigen Zwilling. Jane war Soldatenkind. Und Nick entdeckte im Zuge des Gesprächs sogar, dass er mit seiner Highschool-Basketball-Mannschaft einmal gegen das von Kathryns Mann trainierte Team gespielt hatte.

Bei Kathryn waren alle nicht etwa in erster Linie von ihrer Militärausbildung oder ihren Erfahrungen in der Automobilindustrie überrascht und beeindruckt, sondern davon, dass sie in ihrer College-Zeit für die US-Auswahl Volleyball gespielt hatte.

Es war wirklich erstaunlich. Nach gerade einmal 45 Minuten äußerst zurückhaltender persönlicher Offenbarungen wirkte das Team schon geschlossener und unbefangener als das ganze letzte Jahr über. Aber Kathryn hatte so etwas schon oft erlebt und wusste, dass die Euphorie bald nachlassen würde, sobald sich das Gespräch dem Thema Arbeit zuwandte.

Mehr in die Tiefe

Als das Team nach einer kurzen Pause wieder in den Konferenzraum zurückkehrte, ließ sich feststellen, dass es schon wieder viel von dem guten Gefühl der morgendlichen Sitzung verloren hatte. Die nächsten Stunden, in denen sie sogar die Mittagspause durcharbeiteten, verbrachten sie mit einer Besprechung ihrer jeweiligen Verhaltenstendenzen anhand diverser Diagnose-Tools, die sie alle schon vor dem Workshop in Napa ausgefüllt hatten. Eines davon war der Myers-Briggs-Typindikator.

Kathryn war angenehm überrascht, dass sich sogar Martin jetzt angeregt an der Diskussion beteiligte. Andererseits, dachte sie, lernt – und spricht – natürlich jeder gern über sich. Bis es schließlich mit der Kritik losgeht. Und dieser Teil stand nun bald bevor.

Aber Kathryn beschloss, dass der späte Nachmittag angesichts des allgemeinen Energielevels eine schlechte Zeit wäre, um mit der nächsten Phase zu beginnen. Daher gab sie allen am Nachmittag ein paar Stunden frei, in denen sie ihre E-Mails-checken, sich etwas Bewegung verschaffen oder sonst etwas tun konnten. Kathryn wusste schon, dass sie heute bis spät in den Abend arbeiten würden, und sie wollte nicht, dass alle schon zu früh ausgepowert wären.

Martin verbrachte die freie Zeit am Nachmittag zum größten Teil damit, in seinem Zimmer E-Mails zu lesen. Nick, Jeff, Carlos und JR spielten auf dem Hof vor dem Hotel Boccia, und Kathryn und Jane trafen sich in der Lobby, um sich über Finanzpläne zu unterhalten. Mikey saß am Pool und las in einem Roman.

Als sie sich zur Abendessenszeit alle wieder trafen, stellte Kathryn zu ihrer großen Freude fest, dass man da wieder anknüpfte, wo das Gespräch unterbrochen worden war. Inzwischen hatten alle ihren jeweils unterschiedlichen interpersonellen Stil bei der Arbeit erkannt und diskutierten darüber, was es mit sich brachte, wenn man introvertiert oder extrovertiert war und Ähnliches. Sie wurden entschieden lockerer.

Es gab Pizza und Bier, und das ließ alles weit weniger bedrohlich erscheinen. Carlos zog Jane auf einmal damit auf, dass sie zu pingelig sei, und Jeff ärgerte JR, er sei zu wenig konzentriert. Selbst Martin nahm es gut auf, als Nick ihn den „totalen Introvertierten“ nannte. Keiner am Tisch wirkte durch die gutmütigen, aber durchaus gehaltvollen Neckereien genervt, mit Ausnahme von Mikey. Nicht, dass sie es schlecht aufnahm, wenn sie aufgezogen wurde. Viel schlimmer war, dass überhaupt niemand eine Bemerkung über sie machte, und sie machte umgekehrt erwartungsgemäß auch kaum eine Bemerkung über die anderen.

Kathryn wollte sie gern in den Prozess mit einbeziehen, beschloss aber, dass sie so früh noch nicht zu aggressiv vorgehen wollte. Das Ganze lief schließlich ganz gut – viel besser, als sie erwartet hatte – und das Team schien durchaus bereit, über einige der dysfunktionalen Verhaltensweisen zu reden, die Kathryn auf den Stabskonferenzen beobachtet hatte. Es gab keinen Grund, gleich am ersten Abend eine Kontroverse vom Zaun zu brechen, besonders da sie sich ja schon mit Martin ihr kleines Scharmützel geliefert hatte.

Aber nicht alles lässt sich immer steuern, und so war es schließlich Mikey selbst, die ihre Probleme in den Fokus rückte. Als Nick der Gruppe gegenüber die Bemerkung machte, dass er die Persönlichkeitsbeschreibungen erstaunlich präzise und hilfreich fand, tat Mikey, was sie so oft auf den Stabskonferenzen tat: Sie verdrehte die Augen.

Kathryn stand kurz davor, sie auf ihr Verhalten anzusprechen, als Nick ihr zuvorkam: „Was sollte denn das jetzt schon wieder heißen?“

Mikey reagierte, als hätte sie keine Ahnung, worauf er anspielte: „Was denn?“

In erster Linie nahm Nick sie zwar nur hoch, aber er war doch offensichtlich auch ein bisschen angefressen: „Na, tun Sie hier doch nicht so! Sie haben gerade Ihre Augen verdreht. Habe ich irgendwas Dummes gesagt?“

Sie spielte weiter die Ahnungslose: „Nein, ich hab doch gar nichts gesagt!“

Jetzt schaltete sich Jane ein, allerdings in freundlichem Ton: „Sie mussten auch gar nichts sagen, Mikey. Es war mehr das Gesicht, das Sie gemacht haben!“ Jane wollte die Situation entschärfen, indem sie Mikey die Chance gab, etwas zuzugeben, ohne ihr Gesicht zu verlieren: „Ich glaube manchmal, Sie machen das sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein.“

Aber Mikey biss nicht an und wurde jetzt ein kleines bisschen defensiv: „Ich weiß gar nicht, worüber Sie überhaupt reden!“